Zeitverwendungsstudie - Caring Economy
6686
post-template-default,single,single-post,postid-6686,single-format-standard,theme-onyx,mkd-core-2.1,mikado-core-2.1,woocommerce-no-js,ajax_fade,page_not_loaded,,onyx-ver-3.4, vertical_menu_with_scroll,smooth_scroll,onyx_mikado_set_woocommerce_body_class,wpb-js-composer js-comp-ver-7.0,vc_responsive

Zeitverwendungsstudie

Mehr Arbeit, weniger Zeit, weniger Geld! Auch heute noch arbeiten Frauen mehr als Männern!

238 Minuten bzw. 3 Stunden 58 Minuten arbeiten Frauen pro Tag unbezahlt. Erschreckend klar zeigt die heute veröffentlichte Zeitverwendungsstudie 2021/2022 [1] wie über die Jahrzehnte unverändert enorm groß der Anteil der unbezahlten Arbeit im größten Wirtschaftssektor, der Sorge- und Versorgung der Nation ist und wie viel davon von Frauen geleistet wird.

Erhoben wurde von der Statistik Austria das Volumen der unbezahlten Arbeit im privaten Haushalt inkl. Freiwilligen Arbeit: Hausarbeiten wie Versorgung mit Mahlzeiten, Geschirr spülen, Gartenarbeit, Haustierpflege, Reparaturen im Haushalt, Fahrzeugpflege, putzen, Wäsche waschen, bügeln, Einkaufen, handwerkliche Tätigkeiten, Gartenarbeit, die Betreuung von Kindern, die damit verbundenen Wege, die Pflege von Angehörigen und ehrenamtliche Arbeit.

  • Leisteten laut der Zeitverwendungsstudie 2008/2009 Frauen im Schnitt 3 Stunden und 42 Minuten täglich unbezahlte Arbeit, lang der Wert bei Männern bei 1 Stunde 58 Minuten. 2021/22 ist die gesamte Zeitbindung durch unbezahlte Arbeit ist bei Frauen 03:58 Stunden pro Tag und bei Männern 02:26 Stunden pro Tag. Die Differenz beträgt demnach 1:32 Stunden. Ein Aufwärtstrend ist das nicht. Wird die bezahlte und unbezahlte Arbeit zusammen gezählt – also alles, was getan wird – arbeiten nach wie vor in Summe Frauen mehr als Männern. Doch mehr als die Hälfte der gesamten Arbeitszeit von Frauen ist unbezahlt, bei Männern ist es ein Drittel.
  • Die Hausarbeit macht den bei weitem größten Teil der unbezahlten Arbeit aus. Unabhängig vom Alter wenden Frauen und Mädchen ab zehn Jahren mehr Zeit für unbezahlte Arbeit auf als Männer und Buben. Was Frauen und Mädchen hier mehr leisten bedeutet auch, dass über alle Alterskategorien hinweg Frauen und Mädchen weniger Zeit mit Freizeitaktivitäten und sozialen Kontakten als Männer und Buben verbringen (können).  Und sie haben weniger Zeit einer bezahlten Arbeit nachzugehen.
  • Sogar bei gleichem Erwerbsausmaß der Frau und ihres Partners übernimmt die Frau rund zwei Drittel 64% der Hausarbeit und der Mann rund ein Drittel. Auch wenn das Erwerbsausmaß der Frau höher ist als das des Mannes, erledigen Frauen mehr als die Hälfte der Hausarbeit.
  • Die Betreuung der Kinder wird ähnlich wie bei der Hausarbeit verteilt – die Frau übernimmt rund zwei Drittel (67,2 %) der Kinderbetreuung und der Mann rund ein Drittel (32,8 %). Frauen wenden durchschnittlich 1 Stunde und 58 Minuten für sämtliche Tätigkeiten die die Kinderbetreuung umfasst. Männer investieren hier durchschnittlich mit 53 Minuten weniger als die Hälfte davon.
  • Die Ergebnisse der Analyse zeigen: Weiterhin bestehen deutliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen hinsichtlich Verteilung der unbezahlten, unsere Lebensqualität sichernde Arbeit. Das erzeugt ein doppeltes Problem: Frauen leisten zwar mehr, haben jedoch weniger Geld und weniger Zeit.

Der Ländervergleich

Dramatisch rückständig! Die Ergebnisse der heute veröffentlichten Zeitverwendungsstudie zeigt: Die österreichischen Männer scheinen ein noch konservatives Verhalten in Bezug auf unbezahlte Arbeit an den Tag zu legen, als ihre deutschsprachigen Kollegen in der Schweiz und in Deutschland. In Deutschland liegt die Erhebung zur Zeitwendung schon 10 Jahre zurück, eine neue wurde zeitgleich zu Österreich durchgeführt, aber erst im Oktober 2024 veröffentlicht. Vor 10 Jahren haben Frauen 3:49 Stunden unbezahlte geleistet und Männer 2:24 Stunden, die Differenz betrug also 1:25 Stunden. [2] In der Schweiz wird alle 3-4 Jahre die Zeitverwendung im Zusammenhang mit der Arbeitskräfteerhebung durchgeführt. Mit einem telefonischen Befragen und viel größeren Datensätzen mit Personen über 15 Jahren. Die letzte Erhebung wurde im Jahre 2020 durchgeführt. Schweizer Frauen leisteten demnach 60,5 Prozent des Volumens der unbezahlten Arbeit.[3] Im Vergleich mit den täglichen Arbeitsstunden, erreichen die Schweizer Männer ungefähr das Niveau von Deutschen.

Vergleichbarkeit innerhalb Österreichs

Die Vergleichbarkeit mit früheren Erhebungen in Österreich ist nur bedingt möglich, weil die Erhebungen anders durchgeführt wurden. Wenn aber alle repräsentativ sein sollen, dann kann die Größenordnung der unbezahlten Arbeit und deren Verteilung zum Vergleich herangezogen werden.

Erhebung zur Zeitverwendung während der Corona-Pandemie

Leider hat die Erhebung zwar während eines Corona bedingten Lock-downs stattgefunden, dieser war aber ohne Schließung von Schulen oder Kindertagesstätten, sodass keine Aussagen darüber getroffen werden können, was tatsächlich in den Haushalten während eines Lock-downs mit Schulschließungen passiert ist.

Mental Load

Auch Zeitdruck spielt ein großes Thema. Diejenigen die mehr Zeit in unbezahlter Arbeit und Erwerbsarbeit verbringen, leider häufiger darunter. Schwierig in Zeit zu fassen ist die Belastung, die mit der Organisation eines Haushaltes verbunden ist. Den nächsten Einkaufszettel schreiben, medizinische, therapeutische Termine organisieren und betreuen, wissen wann die Schule früher schließt, weil Lehrkräfte auf Fortbildung sind und dies mit den eigenen Arbeitszeiten koordinieren. Alle das erfordert eine erhebliche kognitive Leistung, die dem Management in einem Unternehmen entspricht, Mental Load genannt. Zukünftig sollten Wege gefunden werden dies besser zu fassen.

Darüber hinaus gibt es Untersuchungen, die nahe legen, dass Frauen die Zeit, die sie mit unbezahlter Arbeit verbringen eher unterbewerten und deshalb nicht vollständig erfassen und Männer eher großzügig notieren, wie lange sie für eine Arbeit gebraucht haben.

Sinnvoll wäre eine von den Bundesämtern durchzuführende qualitative Untersuchung, um mögliche Gewichtungen in die Auswertung einzubeziehen.

Fortschritt oder Rückschritt?

Die Systemrelevanz der unbezahlten Arbeit steht außer Frage. Sie muss gemacht werden. Sie stellt die Grundlagen einer funktionierenden Volkswirtschaft dar. Doch leider können wir keine Fortschritte in der Verteilungsgerechtigkeit erkennen.

Bedauerlicherweise wurden diese Zahlen erst wieder nach 13 Jahren erhoben, obwohl viele andere Wirtschaftszahlen monatlich, pro Quartal und jährlich sichtbar werden [4]. Geleistete Erwerbs-Arbeitsstunden in der Industrie, im Bau und Handel, Beschäftigte im produzierenden Bereich, Umsätze nach Branchen, Konjunktureinschätzungen und Vergleiche. Auch Daten aus der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung können regelmäßig abrufen werden. Das große Problem dabei ist: Zahlen zum großen Wirtschaftsbereich der unbezahlten Arbeit in den privaten Haushalten fließen nicht in die Bruttowertschöpfungsrechnung ein. Wir tappen somit immer wieder sehr lange im Dunklen.

Was passiert jetzt?

Wenn selbst in Paarhaushalten, in denen beide den gleichen Umfang an bezahlter Arbeit nachgehen die unbezahlte Arbeit zu 64 % an den Frauen liegt, dann ist das ein Aufruf zum Handeln. Gender Budgeting heißt auch: Wie ist die Zeitverteilung zwischen den Geschlechtern, denn die Währung der Frauen ist die Zeit! Österreich übt sich seit mehr als 10 Jahren im Gender Budgeting, solange die Einführung dieses Instrumentes sich auf öffentliche Haushalte befasst und in ihren Wirkungszielen nicht die volkswirtschaftliche Gesamtbetrachtung in den Blick nimmt, scheint die Wirkung auf die tatsächlichen Lebensverhältnisse von Frauen und Männern begrenzt.

Um Fortschritte in der Verteilungsgerechtigkeit beurteilen zu können und um den volkswirtschaftlichen Gesamtblick regelmäßig abzubilden, sind gute statistische Daten notwendig. Neben den Einkommensunterschieden zwischen Männern und Frauen geht es auch um die kontinuierliche Sichtbarkeit unbezahlter Wertschöpfungsbeiträge und deren Integration in unser Bruttoinlandsprodukt (BIP). Die Erfassung der unbezahlten Arbeit als Teil des BIP ist schon eine jahrzehntelange Forderung. Diese Erhebung dafür zu nutzen wäre ein enormer Beitrag und eine Chance, die wir nutzen sollten. 

Bleibt zu hoffen, dass die Zeitverwendungsstudien ab jetzt in kürzeren, regelmäßigen Abständen wiederholt werden und wir uns im europäischen Vergleich Vorbildern annähern. Die Schweiz erhebt diese Daten alle 4 Jahre, siehe auch: Unpaid Care Work and steh Labour Market, ILO, Genf 2019, S. 14. Nur durch einen kontinuierlichen Gesamtblick auf Wirtschaft lassen sich sinnvolle und wirtschaftsstärkende Maßnahmen ableiten und Fortschritte messen.

Wie in Deutschland und der Schweiz ist das Volumen der Bruttowertschöpfung der unbezahlten Arbeit größer als das der bezahlten Arbeit, wenn die Berechnung auf der Grundlage des Expert*innenansatzes berechnet wird. Die exakte Berechnung können Sie hier anfragen.

[1] https://www.statistik.at/fileadmin/user_upload/ZVE_2021-22_barrierefrei.pdf
[2] Siehe: #cedg: https://www.closeecondatagap.de/, 18.12.2023
[3] Siehe Bundesamt für Statistik, Schweiz: https://www.bfs.admin.ch/asset/de/2022-0551-d, 18.12.2023
[4] https://www.statistik.at/statistiken/volkswirtschaft-und-oeffentliche-finanzen/volkswirtschaftliche-gesamtrechnungen/bruttoinlandsprodukt-und-hauptaggregate

Presseaussendung, 18.12.2023, von:

Elisabeth Sechser CaringEconomy.Jetzt

Christine Rudolf economiefeministe.ch,  www.christine-rudolf.de

Uta Meier-Gräwe wirtschaft-ist-care.org

Katharina Brodnik fairsorgen.at

Bei Fragen wenden Sie sich gerne an uns.

HIER GEHT`S ZUR ZAHL DES MONATS DEZEMBER >>

Nachlese: Zahl des Monats November >>