Frauen als pflegende Angehörige
Equal Care ist mehr als die Aufteilung zwischen Männern und Frauen – Equal Care zeigt sich im Systemdesign und in wirtschaftspolitischer Vernunft. Equal Care bedeutet nicht nur, wie unbezahlte Arbeit zwischen Männern und Frauen verteilt wird. Es geht ebenso darum, wie Verantwortung zwischen Staat und Haushalt organisiert ist – wer welche Lücke trägt, wer Infrastruktur bereitstellt, wer unterstützt.
Ein Beispiel:
Seit über 20 Jahren bin ich Unternehmerin. Seit 13 Jahren pflegende Angehörige einer palliativ schwerstkranken Tochter, alleinerziehend. Es ist mir gelungen ein tragendes kooperatives Pflegenetz aufzubauen, doch es ist brüchig und die Lücken werden größer.
Seite 13 Jahren: 160 Stunden Pflegearbeit pro Monat – zusätzlich zu meiner selbstständigen Tätigkeit. Nachts und jedes Wochenende inklusive. Ich komme von der Arbeit in die Pflegearbeit. Fehlende mobile Pflege kompensiere ich privat. Trotz staatlicher Leistungen entstehen mir monatlich zusätzlich 1.500 Euro Mehrkosten für die Pflege. Ich habe einen schönen Beruf, arbeite sehr gerne und sehr erfolgreich als Organisationsentwicklerin. Mit meiner Firma schaffe ich Arbeitsplätze, mit meinen KundInnen gestalte ich starke Arbeitsorte. Gleichzeitig muss ich mich kontinuierlich darum kümmern, dass meine Erwerbstätigkeit und meine Gesundheit nicht gefährdet werden. Stationäre Entlastungspflege wird streng rationalisiert, ich muss extrem aufpassen, dass Pflegeleistungen nicht weiter reduziert werden. Immer wieder wird mir signalisiert, dass der Staat mir als Angehörige ja eh hilft. Dabei helfen wir alle gemeinsam meiner Tochter, einer kleinen Bürgerin.
Dass ich die Hauptrolle einnehme, ist ein Systemfehler und kein Naturgesetz. Ländern, in denen pflegende Angehörige Frauen aufgrund ausreichend öffentlicher Pflegeinfrastruktur nicht diese Hauptrolle einnehmen müssen, haben auch kleinere Gender Gaps u.s.w. Es wäre nicht nur für mein Leben eine Tragödie, sondern auch für den Staat am teuersten, wenn Menschen in meiner Situation – erfahren, qualifiziert, erwerbstätig – vom unsichtbaren Pflegenotstand „verschluckt“ werden und nicht mehr arbeiten könnten.


Fotos: Filmszenen für den Dokumentar-Kinofilm „Who Cares“ von Ina Invanceanu, (c)-whocares-amourfou, Fertigstellung Mitte 2026. Ich in meiner beruflichen Rolle als Expertin für Organisationsentwicklung und für die Caring Economy. Ich als Mama mit meiner palliativ schwer kranken Tochter.
Der leise Denkfehler
- Politisch sprechen wir vom „Recht auf Arbeit“ – doch Vereinbarkeit von Beruf und Pflege wird oft als individuelles Organisationsproblem behandelt – nicht als Infrastrukturfrage.
- Fehlt mobile Pflege, wird sie privat ersetzt.
- Fehlt jahrelang budgetiertes Pflegepersonal im Schulbereich, können kranke Kinder nicht mehr die Schule besuchen. Sie werden gesellschaftlich ausgeschlossen.
- Fehlen flexible Modelle für Selbstständige, trägt die Einzelne das Risiko.
- Solange Angehörige die Lücken schließen, bleibt das System vermeintlich stabil. Die Belastung bleibt. Sie verschiebt sich – still und leise in die Haushalte.
Equal Care ist ein Systemthema
Rund 80 % der Pflegebedürftigen werden zu Hause betreut, über 70 % davon von Frauen. Etwa die Hälfte der pflegenden Angehörigen gibt ihre Erwerbstätigkeit auf. Nur ein Drittel bleibt berufstätig. Die Folgen sind strukturell: sinkende Erwerbsbeteiligung, geringere Pensionen, höhere gesundheitliche Belastung. Gleichzeitig sichern pflegende Angehörige einen erheblichen Teil des Systems – unbezahlt.
Equal Care als öffentliche Aufgabe
- Equal Care heißt nicht nur, Sorgearbeit fair zwischen Männern und Frauen zu verteilen.
- Equal Care bedeutet, Verantwortung zwischen Staat und Haushalt klar und ganz anders zu gestalten.
- Equal Care heißt, pflegende Angehörige, statt aus dem Berufsfeld aus ihrer pflegenden Hauptrolle zu entlassen. Es bedeutet verlässliche Infrastruktur, genügend Fachkräfte, mobile Dienste, finanzielle Absicherung, Vereinbarkeitsmodelle, Pflege als Wirtschaftsbooster nicht als Kostenfaktor. Und das digitale Potential für das umfassende Pflegemanagement schreit auch nach Nutzung.
Pflege ist kein moralisches Thema, keine private Liebesleistung. Sie ist eine Frage von Systemdesign. Diese Perspektive sollte die politische Debatte bestimmen – sowohl aus Gleichstellungs- als auch aus wirtschaftlicher Sicht.
Es ist enorm kurzsichtig vom Staat, nach wie vor darauf zu bauen, dass Frauen diese schwere Arbeit – Liebe hin, Liebe her – unsichtbar zu Hause leisten. Das kostet wirtschaftlich sehr viel und schwächt das Land.
Gleichzeitig sollten Unternehmen erkennen: Sie werden stärker, erfolgreicher und attraktiver, wenn in Equal Care als Grundprinzip gilt – in der Organisation, in der Führung, in der Vereinbarkeit. Care ist kein individuelles Schicksal. Care ist die grundlegendste öffentliche Angelegenheit, ist Systemdesign, wirtschaftliche Vernunft und strategischer Vorteil zugleich.
PS: Mein Angebot für politische EntscheidungsträgerInnen ein gratis Pflegewochenende bei uns zu Hause zu absolvieren, steht nach wie vor. Nicht nur zum Muttertag. Auch heute.
Vertiefung
4 Wege aus dem Pflegenotstand >>