Vier Wege aus dem Pflegenotstand
Pflege gehört zu den größten Zukunftsaufgaben unserer Zeit. Mit einer älter werdenden Bevölkerung steigt die Zahl der Menschen, die Unterstützung benötigen, kontinuierlich. Gleichzeitig verschärfen sich der Fachkräftemangel, die Belastung pflegender Angehöriger und der Druck auf das Gesundheits- und Sozialsystem. Die Frage lautet deshalb nicht mehr, ob sich unser Pflegesystem verändern muss, sondern wie. Nach dem World Social Report 2023 der Vereinten Nationen werden bis 2030 weltweit rund 2,3 Milliarden Menschen auf Pflege und Unterstützung angewiesen sein. Auch Österreich steht vor großen Herausforderungen. Laut dem Pflegevorsorgebericht des Sozialministeriums werden rund 80 Prozent aller pflegebedürftigen Menschen zu Hause betreut. Etwa eine Million Menschen übernehmen regelmäßig Pflege- und Betreuungsaufgaben, 73 Prozent davon sind Frauen. Gleichzeitig zeigt die Pflegepersonal-Bedarfsprognose der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG), dass Österreich bis 2030 rund 51.000 zusätzliche Pflege- und Betreuungspersonen benötigen wird. Diese Zahlen machen deutlich: Pflege ist längst keine Randfrage der Sozialpolitik. Sie betrifft unsere Wirtschaft, den Arbeitsmarkt, die Gleichstellung von Frauen und Männern sowie den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Pflege ist eine gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe
Pflege wird häufig noch immer als private Verantwortung von Familien verstanden. Tatsächlich ist sie jedoch eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft. Wie wir Menschen unterstützen, die auf Hilfe angewiesen sind, sagt viel darüber aus, welche Werte unsere Gemeinschaft tragen. Ein Pflegesystem, das sich überwiegend auf unbezahlte Angehörigenpflege stützt, führt langfristig zu Überlastung, gesundheitlichen Belastungen, Einkommensverlusten und einer Vertiefung des Gender Care Gaps.Es braucht deshalb einen Perspektivenwechsel: Weg von der Frage, wer die Pflege übernimmt, hin zur Frage, wie wir Pflege gemeinsam organisieren können.
Pflege braucht ein Ökosystem
Ein zukunftsfähiges Pflegesystem braucht ein Care-Ökosystem. Es verbindet mobile Pflege, pflegende Angehörige, Tageszentren, betreutes Wohnen, stationäre Langzeitpflege, Palliativversorgung und Caring Communities zu einem abgestimmten Netzwerk. Jede dieser Säulen übernimmt eine eigene Aufgabe – ihre volle Wirkung entfalten sie jedoch erst im Zusammenspiel. Pflegebedürfnisse verändern sich im Laufe des Lebens. Manche Menschen benötigen nur vorübergehend Unterstützung, andere über viele Jahre. Deshalb reicht es nicht aus, einzelne Angebote auszubauen. Entscheidend ist, dass sie gut aufeinander abgestimmt sind und Menschen je nach Lebenssituation die passende Unterstützung erhalten. Ein Care-Ökosystem schafft fließende Übergänge zwischen den verschiedenen Versorgungsformen, stärkt die Zusammenarbeit aller Beteiligten und stellt den Menschen mit seinen Bedürfnissen in den Mittelpunkt. So entsteht ein Pflegesystem, das Angehörige entlastet, Fachkräfte unterstützt und Menschen möglichst lange ein selbstbestimmtes Leben in ihrer vertrauten Umgebung ermöglicht.
Vier Wege aus dem Pflegenotstand
Wie ein solches Pflegesystem aussehen kann, beschreibt das Kooperative Pflegemodell Wien. Im Mittelpunkt stehen vier Handlungsfelder, die sich gegenseitig ergänzen.
1. Starker Ausbau der Mobilen Pflege
Die meisten Menschen möchten so lange wie möglich in ihrem vertrauten Zuhause leben. Ein flächendeckendes Angebot mobiler Pflege ermöglicht genau das. Gleichzeitig werden Krankenhausaufenthalte und der Umzug in stationäre Einrichtungen häufig hinausgezögert oder vermieden. Mobile Pflege erhöht die Lebensqualität und nutzt die vorhandenen Pflegekapazitäten effizienter.
2. Kleine, stabile Pflegeteams sichern
Pflege lebt von Vertrauen. Kleine, wohnortnahe und eingespielte Teams ermöglichen verlässliche Beziehungen zwischen Pflegekräften und den betreuten Menschen. Das verbessert die Versorgungsqualität, erleichtert die Zusammenarbeit und macht den Pflegeberuf attraktiver.
3. Pflegende Angehörige wirksam entlasten
Angehörige leisten einen Großteil der Pflege in Österreich. Sie brauchen jedoch professionelle Unterstützung statt Überlastung. Mobile Dienste, Tageszentren, Kurzzeitpflege und flexible Entlastungsangebote verteilen die Verantwortung auf mehrere Schultern und helfen, Pflege mit Beruf und Familie besser zu vereinbaren.
4. Caring Communities stärken
Pflege ist eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft. Caring Communities vernetzen professionelle Pflege, Gemeinden, Nachbarschaften, Vereine und freiwillig Engagierte. So entstehen lokale Unterstützungsnetzwerke, die Einsamkeit verhindern, Angehörige entlasten und Menschen ermöglichen, länger selbstbestimmt in ihrer gewohnten Umgebung zu leben.
Sorge ist ein Menschenrecht – Care Ethics
Der Wandel hin zu kooperativen Pflegemodellen entspricht auch internationalen Entwicklungen. Immer stärker setzt sich die Erkenntnis durch, dass Sorge kein privates Problem einzelner Familien ist, sondern Teil öffentlicher Verantwortung.
Wie das Sorge-Glossar beschreibt, umfasst ein Recht auf Sorge drei Dimensionen:
a) das Recht auf Sorge – the right to be cared for – als Recht auf angemessene Betreuung und Pflege
b) das Recht, (nicht) zu sorgen – right (not) to care – als Recht, Sorgeleistungen erbringen zu können, ohne dazu gezwungen zu sein und
c) das Recht auf Zeit für Sorge – right to time to care – als Recht, ausreichend Zeit zu haben, Sorgeleistungen erbringen zu können
Damit verändert sich auch der Blick auf Pflege. Sie wird nicht länger als private Familienaufgabe verstanden, sondern als gesellschaftliche Infrastruktur, die allen Menschen zugutekommt.
„Lasst die pflegenden Angehörigen nicht im Stich!“
Als berufstätige Mutter einer palliativ kranken Tochter zähle ich zur Minderheit. Ich habe eine wunderbare und sehr starke Tochter und ich habe einen wunderschönen, sehr erfüllenden Beruf. Mir das zu ermöglichen, geht nur, weil sich mobile Pflegeteams und das stationäre Kinderpalliativzentrum, Familie, Freunde, das mobile Kinderpalliativteam mit an der Pflege und Betreuung der kleinen Wienerin beteiligen. Nur durch dieses kooperative Netz ist das möglich. Leider spielen in Österreich nach wie vor die pflegenden Angehörigen die Hauptrolle. Durch den weiteren Pflegenotstand wird diese Hauptrolle zunehmen und die Last größer. Wir brauchen eine Politik, die die Pflege von Menschen als öffentliche Angelegenheit sieht und eine Wirtschaft, die Pflege als Kernauftrag anerkennt. Dass ich zur Minderheit gehöre, muss nicht sein, sondern ist systemisch konstruiert bzw. politisch so gewollt. Das sollten wir ändern. Davon haben dann alle was. Die Angehörigen, die zu pflegenden Menschen und natürlich auch die Wirtschaft. Dazu passend mein Gastkommentar im Der Standard „Lasst die pflegenden Angehörigen nicht im Stich!“
Gemeinsam kommen wir weiter
#KooperativesPflegemodellWien




