Versucht es mal ohne uns. Wir kommen gerade erst auf den Geschmack. - Caring Economy
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Versucht es mal ohne uns. Wir kommen gerade erst auf den Geschmack.

„Wenn mich Menschen fragen, warum ich mich für den „Globalen Women´s General Strike“ engagiere, dann wundere ich mich immer, warum sie sich nicht engagieren, warum nicht klar ist, dass es so nicht weitergehen kann. Es gibt so viele Argumente, es geht alles so langsam voran und leider gewinnen gerade wieder Autokraten Aufwind.“

Rede von Elisabeth Sechser, 9.3.2026, Global Women´s General Streik, Stillgelegt-Aktion vor dem Parlament, Wien, Österreich

Hallo Wien. Hallo Welt. Hallo Leben. Hallo Solidarität.

Großartig, dass wir hier sind – und dass wir wieder hier sind.

Ich freue mich sehr, dass wir gemeinsam diese zivilgesellschaftlichen Stillgelegt-Aktionen fortwährend weiter praktizieren.

Zu Beginn eine gute Nachricht: 2025 wurde vom interamerikanischen Gerichtshof Care als eigenständiges Menschenrecht ausgerufen. Es umfasst das Recht auf Care, das Recht auf Zeit für Care und das Recht auf Selbstfürsorge. ECLAT-Mitgliedsstaaten der UN-Wirtschaftskommission riefen 2025–2035 als die Dekade für tatsächliche Geschlechtergleichheit und die Care Society aus. Auch wenn es viele schreckliche Realitäten gibt, die aufzeigen, dass wir Rückschritte machen, möchte ich mit dieser positiven Nachricht beginnen.

Wir haben im Juni 2025 zum ersten Mal die Stillgelegt-Aktion gestartet. Im Oktober haben wir hier die große Frauenstreik-Aktion hier gemeinsam organisiert. Im November gab es in Südafrika großangelegte Stillgelegt-Aktionen gegen die vielen Femizide. Vorgestern war die erste Männer-Demo gegen Gewalt gegen Frauen – auch hier. Gestern haben wir bei der „Take Back the Streets“-Demo die bisher größte Stillgelegt-Aktion gestaltet. Heute ist der erste Global Women’s General Strike. Weltweit finden synchron Stillgelegt-Aktionen statt – und eine davon machen wir hier.

Denn es ist genug. Enough. Basta.

Genug, dass die bezahlten Care-Arbeiten ein Randthema, ein Sparthema, ein Kostenfaktor sind.

Genug, dass die unbezahlte Arbeit – die 44 % des BIP ausmacht, die mehr Zeit als Erwerbsarbeitszeit ausmacht und größtenteils von Frauen geleistet wird – unsichtbar bleibt.

Genug der Ignoranz gegenüber Frauenrechten.

Genug vom Schneckentempo der Gleichstellungspolitik.

Genug vom Sozialabbau und von Einsparungen, die unsere Gesellschaft destabilisieren.

Die Unterdrückung der Care-Arbeit ist kalkuliert.

Denn es gibt kein Geldproblem. Es gibt ein Prioritätenproblem.

Politik und Wirtschaft haben ein Wahrnehmungsproblem.

Es gibt ein Unterdrückungsproblem.

Wir haben einen toten Winkel in der Politik.

Wir haben ein Patriarchatsproblem.

Wir haben einen sehr großen Systemfehler, eine Schieflage, die unsere Gesellschaft täglich spürt, die Frauen, FLINTAs und migrantische Gruppen täglich spüren.

Und wir wissen, was es braucht und wirklich trägt. Von Beginn an.

Wir brauchen mehr Hebammen und deutlich bessere Bedingungen für den Start ins Leben. Eine Gesellschaft, die Elementarpädagog*innen wertschätzt und mit den besten Ressourcen ausstattet. Beste Bedingungen im Gesundheits- und Sozialbereich. Kooperative Pflegesysteme. Pflegende Angehörige, die aus ihren Hauptrollen entlassen werden. Prävention. Care als öffentlicher Auftrag. Caring Communities. Fürsorgliche Städte. Eine Caring Economy. Schutz und Sicherheit für alle Frauen.

Wir brauchen einen klaren Narrativwechsel.

Straßenbau gilt als Investition. Produktion gilt als Investition. Digitalisierung gilt als Investition. Care-Arbeit gilt immer noch als Kostenfaktor oder als gratis Liebesdienst.

Bis heute werden die Kernaufgaben einer Gesellschaft unsichtbar gemacht: Fürsorge, Pflege, Bildung. Sie werden nicht anerkannt als Kerntreiber einer Volkswirtschaft. Sorgearbeit wird abgewertet, ins Private ausgelagert und unter einem Liebes-Narrativ versteckt.

Deshalb sind wir hier.

Wir kümmern uns um Care.

Wir holen Care ins Zentrum.

Wir übernehmen Verantwortung, dass sich Politik und Wirtschaft mehr um den Grundauftrag des Lebens annimmt.

Wir legen die Arbeit still.

So still, dass alle sie sehen müssen.

So still, dass sie sichtbar wird. Dass ihre große Bedeutung spürbar wird.

Die Erfindung der Hausfrau war ein patriarchal-kapitalistischer Schachzug: unendlich wichtige Arbeit einfach unsichtbar gemacht und als selbstverständlich erklärt. Dass pflegende Angehörige noch immer die Hauptrolle in der Pflege spielen, wird politisch kalkuliert. Dass Menschen im Gesundheitsbereich permanent an ihre Grenzen kommen, wird überhört. Dass Bildungseinrichtungen schnaufen, wird nicht priorisiert. Die Teilzeitdebatte existiert nur, weil der größte Leistungsbeitrag für das Funktionieren einer Volkswirtschaft ausgeblendet wird.

Wir sagen entschlossen: Schach. Matt.

#Stillgelegt ist eine Intervention. Eine kurze und bald lange Systemunterbrechung. Wir zeigen, worauf unsere Gesellschaft steht. Ohne Sorgearbeit gibt es keine Gesellschaft. Ohne Sorgearbeit funktioniert keine Wirtschaft. Ohne Frauenrechte funktioniert keine Demokratie.

Denn alles beginnt mit Geschlechtergerechtigkeit. Außer das Patriarchat. Das endet dann.

Deswegen hebeln wir still und stark die Strukturen aus, die Frauenrechte schwächen, die Care schwächen. Wir nutzen unsere Macht. Wir kümmern uns um Care.

Vielleicht stecken wir auch die vielen Männer an, die dieses patriarchale, toxische Muster nicht mehr wollen.

Wenn auch Männer ihre Beiträge für das Aufrechterhalten patriarchaler Systeme stilllegen. Sich mehr um Care kümmern. Wenn Männer beim patriarchalen Muster nicht mehr mitmachen,…

Stillgelegt ist mächtig. Ein starker politischer Akt. Eine große gemeinsame Handlung.

Politik findet nicht nur in Parlamenten statt, sondern dort, wo Menschen ihre Zustimmung verweigern. (Hannah Arendt)

Wir verweigern – als solidarische Handlung.

Wir machen Politik.

In der Stille wird sichtbar, was diese Gesellschaft wirklich trägt. Und genau das machen wir jetzt sichtbar.

Versucht es mal ohne uns. Wir kommen gerade erst auf den Geschmack.

Oder anders gesagt:

Eigentlich wäre eine Wirtschaft ohne Menschen viel effizienter.

Keine Kinder. Keine Krankheiten. Keine Pflege. Keine alternden Körper.
Nur Märkte, Kennzahlen und saubere Excel-Tabellen.

Zunächst einmal: Gratulation.

Politik, Wirtschaft und Medien ist hier wirklich etwas Bemerkenswertes gelungen.
Ein Meisterstück moderner Organisation. Der vermutlich größte Auslagerungsprozess der Wirtschaftsgeschichte: Mehr als die Hälfte der Arbeit, auf der unsere Gesellschaft beruht, wurde einfach ausgelagert – völlig legal, ohne große Aufregung und ohne dass es jemand wirklich bemerkt hätte.

Kinder werden großgezogen.
Kranke werden versorgt.
Alte werden gepflegt.
Der Alltag wird organisiert.
Gesellschaft wird zusammengehalten.

Und ökonomisch betrachtet hat man dafür eine ausgesprochen elegante Lösung gefunden:

Man nennt diese Arbeit Liebe.
Oder Naturtalent.
Oder Privatsache.

Und schon verschwindet sie aus den Tabellen.

Die Wirtschaft freut sich über gute Zahlen.
Die Politik spricht von Sparzwang – schließlich kann man schlecht Geld für etwas ausgeben, das statistisch gar nicht existiert.

Und die Medien zeigen dabei eine bemerkenswerte Begabung im Wegschauen.

Mit dieser Fähigkeit gelingt ein kleines mathematisches Wunder:

Aus 47 % Erwerbsarbeit werden plötzlich 100 % der Arbeit.

Denn die lächerlichen 53 % unbezahlte Arbeit – Kinder großziehen, pflegen, versorgen, den Alltag organisieren – brauchen natürlich keine Erwähnung.

Das ist ja auch keine Arbeit.

Die Medien berichten währenddessen zuverlässig über die wirklich spannenden Themen:
toxische Männlichkeitsphänomene, den Nervenkitzel von Korruption und Machtmissbrauch, Chats, Rücktritte und Intrigen – sogar am 8. und 9.3. 2026 haben die Themen zu Wöginger, Schmid und Weißmann die volle Aufmerksamkeit.

Der dramaturgische Mehrwert erschöpfter Frauen oder überlasteter Sozial- und Gesundheitssysteme ist medial leider begrenzt.

Eine klitzekleine statistische Auffälligkeit bleibt:

Geschwächte Frauenrechte erzeugen erstaunlich wenig mediale Aufregung.
Und die Arbeit, die offiziell gar keine sein soll, wird überwiegend von Frauen gemacht.

Aber auch dafür dominiert eine bewährte Erklärung:
Sie können das eben besser.

Auch verschiebt sich ganz nebenbei diese Frage:
Wozu gibt es Wirtschaft eigentlich?

Diese Frage scheint inzwischen etwas nachgereiht zu werden.
Viel wichtiger ist offenbar geworden, wie man Geld „sinnvoll“ ausgibt.

Dass dabei der eigentliche wirtschaftliche Grundauftrag – nämlich für Menschen zu funktionieren – langsam verloren geht, fällt kaum noch auf.

Ebenso wenig, dass dieses Ausblenden enorme Folgekosten produziert.

Aber vielleicht wirkt das nur auf den ersten Blick absurd.

Ein Ikea-Regal ohne Schrauben ist schließlich auch ein Ikea-Regal.

Deshalb kann man Wirtschaft auch ohne Care denken.

Deshalb schlagen wir heute ein kleines Experiment vor.

Wir hören einfach einmal auf. Wenn plötzlich die Arbeit, die keine ist, stillsteht. Dann ist auch keine Krise.

Es ist nur das Patriarchat, dem gerade seine billigste Infrastruktur ausgegangen ist.

Bestimmt nicht so schlimm, das bisschen Care weglassen.

Wir sind schon gespannt, was passiert.

Versucht es mal ohne uns. Wir kommen gerade erst auf den Geschmack.



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