Warum Fürsorge kein Kostenfaktor ist - Caring Economy
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Warum Fürsorge kein Kostenfaktor ist

Ein besonders schwaches Licht in der ökonomischen Debatte fällt auf jene Menschen, die als „nicht leistungsfähig“ gelten – weil sie zu jung, zu alt, zu krank sind, Pflege brauchen oder nicht erwerbstätig sein können. In einer engen, marktorientierten Logik erscheinen sie vor allem als Kostenfaktor. Doch diese Perspektive greift zu kurz. Sie übersieht eine Form von Wert, die sich nicht in Marktpreisen ausdrückt, gesellschaftlich jedoch zentral ist: den Wert des Sich-umeinander-Kümmerns.

Wo Menschen auf Unterstützung angewiesen sind, entsteht nicht nur Aufwand. Es entstehen Beziehungen, Verantwortung, Solidarität – und eine Rückbindung an etwas, das in ökonomischen Modellen oft ausgeblendet wird: die grundlegende Verletzlichkeit des Menschen. Gerade dort, wo im neoliberalen Sinn scheinbar „nichts geleistet“ wird, wird etwas sichtbar, das für jede Gesellschaft konstitutiv ist: Menschen sind nicht nur Produzent:innen, sondern bleiben aufeinander angewiesen.

In diesem Sinn erzeugen auch kranke oder pflegebedürftige Menschen Wert – nicht durch Output, sondern durch das, was sie ermöglichen: Fürsorge, soziale Bindung und die Erinnerung daran, dass Wirtschaft kein Selbstzweck ist. Sie sind aktive Communiy Builder.

Das Suggerieren, dass das Herstellen von Autonomie, Unabhängigkeit und Selbständigkeit als größte Grundlage des Seins gilt, ist nicht nur gefährlich, sondern eine Illusion. Auch die Philosophin Judith Butler kritisiert die Vorstellung eines isolierten, vollständig autonomen Subjekts als verkürzt und einseitig. Autonomie könne nicht unabhängig von sozialen Beziehungen gedacht werden, da Menschen von Beginn an auf andere bezogen sind. So betont sie: „We cannot understand ourselves as autonomous in any meaningful way without understanding ourselves as already given over to others“. Damit macht Butler deutlich, dass Autonomie kein unabhängiges Ideal darstellt, sondern stets durch Abhängigkeit, Verletzlichkeit und soziale Eingebundenheit mitkonstituiert ist.

Mitgefühl als gesellschaftliche Kompetenz

Mitgefühl wird oft als weiche, private Kategorie verstanden. Tatsächlich ist es eine gesellschaftliche Kompetenz. Es beruht auf einem gemeinsamen Verständnis: Pflege, Angewiesenheit, Krankheit, Sterben und Verlust sind keine Ausnahmen, sondern universelle Erfahrungen. Niemand steht außerhalb dieser Realität. Menschen, die mit Erkrankungen oder Einschränkungen leben, werden häufig auf ihre Bedürftigkeit reduziert. Dabei übersehen wir, dass sie über ein Wissen verfügen, das in keiner ökonomischen Kennzahl auftaucht. Sie sind nicht nur Empfänger:innen von Fürsorge. Sie sind Teil eines sozialen Gefüges, in dem Geben und Empfangen untrennbar miteinander verbunden sind. Auch hier entsteht Wert – als Beitrag zum Verständnis dessen, was ein gutes Zusammenleben ausmacht.

Eine andere Form kollektiver Vernunft

Diese Perspektive macht sichtbar: Mitgefühl ist keine private Haltung, sondern eine Form kollektiver Vernunft. Eine Gesellschaft zeigt sich nicht nur darin, wie sie Leistung belohnt, sondern auch darin, wie sie mit Verletzlichkeit umgeht. Dort, wo Fürsorge möglich wird, entsteht nicht Schwäche, sondern soziale Stärke. Vielleicht liegt gerade darin der größte blinde Fleck der modernen Ökonomie: dass der Wert des Menschlichen oft dort beginnt, wo sich Leistung nicht mehr rechnen lässt.



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