Warum Fürsorge kein Kostenfaktor ist
Ein besonders schwaches Licht in der ökonomischen Debatte fällt auf jene Menschen, die als „nicht leistungsfähig“ gelten – weil sie zu jung, zu alt, zu krank sind, Pflege brauchen oder nicht erwerbstätig sein können. In einer engen, marktorientierten Logik erscheinen sie vor allem als Kostenfaktor oder Belastung. Doch diese Perspektive greift zu kurz. Sie übersieht eine Form von Wert, der sich nicht in Marktpreisen ausdrückt, gesellschaftlich jedoch zentral ist: der Wert der sozialen Bindung.
Wo Menschen auf Unterstützung angewiesen sind, entsteht nicht nur Aufwand. Es entstehen Beziehungen, Verantwortung, Solidarität – und eine Rückbindung an etwas, das in ökonomischen Modellen oft ausgeblendet wird: die grundlegende Verletzlichkeit des Menschen. Gerade dort, wo im neoliberalen Sinn scheinbar „nichts geleistet“ wird, wird etwas sichtbar, das für jede Gesellschaft konstitutiv ist: Menschen sind nicht nur Produzent:innen, sondern bleiben aufeinander angewiesen.
In diesem Sinn erzeugen auch Kinder, verletze, kranke oder pflegebedürftige Menschen Wert – nicht durch Output, sondern durch das, was sie ermöglichen: Fürsorge, soziale Bindung und die Erinnerung daran, dass Wirtschaft kein Selbstzweck ist. Sie sind aktive Communiy Builder.
Das Suggerieren, dass Autonomie, Unabhängigkeit und vollständige Selbständigkeit die höchste Form menschlichen Seins darstellen, ist nicht nur gesellschaftlich gefährlich, sondern letztlich eine Illusion und etwas Unmenschliches. Die Vorstellung des autonomen Individuums — souverän, unabhängig und frei von Abhängigkeiten — prägt bis heute neoliberale Leistungslogiken und beeinflusst auch den Blick auf Fürsorgearbeit: Wer auf Unterstützung angewiesen ist, gilt schnell als defizitär oder „belastend“. Doch zahlreiche Philosoph:innen und Ethiker:innen widersprechen diesem Menschenbild entschieden. Die italienische Philosophin und feministische Denkerin Adriana Cavarero beschreibt das „relationale Selbst“. beschreibt das „relationale Selbst“: Der Mensch entsteht erst durch Beziehungen, durch Angesprochenwerden und Resonanz. In ihrer Arbeit kritisiert sie das Ideal des autonomen, unabhängigen Individuums und betont stattdessen die grundlegende Bezogenheit und Verletzlichkeit menschlicher Existenz. Judith Butler kritisiert die Vorstellung eines isolierten Subjekts als verkürzt und einseitig. Autonomie könne niemals losgelöst von Beziehungen gedacht werden, denn Menschen seien „always already given over to others“. Selbstbestimmung entsteht demnach nicht trotz, sondern gerade innerhalb von Bezogenheit, Verletzlichkeit und sozialer Eingebundenheit. Michaela Ott wiederum dekonstruiert die Idee des unteilbaren Individuums grundsätzlich. Mit ihrem Begriff der „Dividuation“ zeigt sie, dass Menschen keine abgeschlossenen Einheiten sind, sondern bewegliche, durchlässige und ständig im Werden begriffene Wesen — verflochten mit anderen, geprägt von Affekten, sozialen Dynamiken und gegenseitiger Abhängigkeit. Auch der Medizinethiker Giovanni Maio kritisiert das Ideal des autonomen Individuums als unrealistisch und unmenschlich: „Der Mensch ist nicht primär ein autonomes Wesen, sondern ein angewiesenes Wesen.“ Verletzlichkeit sei kein Mangel, sondern Grundbedingung menschlicher Existenz. Diese Gedanken finden sich auch in der feministischen Care-Ethik wieder. Joan Tronto formuliert unmissverständlich: „All humans are interdependent.“ Es gebe keine vollkommen autonomen Menschen; vielmehr seien alle Menschen zu verschiedenen Zeitpunkten ihres Lebens auf andere angewiesen. Fürsorge ist damit kein Randphänomen für Schwache, kein emotionales Extra — sie ist die Grundlage jeder Gesellschaft. Denn menschliches Leben beginnt in Abhängigkeit, bleibt durchzogen von Verletzlichkeit und Angewiesenheit. Eine Gesellschaft, die Care gering schätzt, verkennt daher nicht nur ökonomische Realitäten, sondern das Wesen des Menschseins selbst.
Mitgefühl als gesellschaftliche Kompetenz
Mitgefühl wird oft als weiche, private Kategorie verstanden. Tatsächlich ist es eine gesellschaftliche Kompetenz. Es beruht auf einem gemeinsamen Verständnis: Fürsorge, Pflege, Angewiesenheit, Krankheit, Sterben und Verlust sind keine Ausnahmen, sondern universelle Erfahrungen. Niemand steht außerhalb dieser Realität. Kinder, Menschen mit Erkrankungen oder Einschränkungen, werden häufig auf ihre Bedürftigkeit reduziert: Sie brauchen etwas. Dabei übersehen wir, dass sie über ein Wissen verfügen, das in keiner ökonomischen Kennzahl auftaucht. Sie sind nicht nur Empfänger:innen von Fürsorge. Sie sind Teil eines sozialen Gefüges, in dem Geben und Empfangen untrennbar miteinander verbunden sind. Sie gestalten soziale Beziehungen aktiv mit. Sie lehren Formen von Nähe, Geduld, Rücksichtnahme, gegenseitiger Verantwortung und Mitgefühl — Fähigkeiten, auf denen jede Gesellschaft letztlich beruht, auch wenn sie in keiner Bilanz sichtbar werden. Gerade in der Begegnung mit Kindern, kranken oder pflegebedürftigen Menschen entstehen Erfahrungen von Verbundenheit, Fürsorge und gegenseitiger Abhängigkeit, die unser Verständnis von Menschlichkeit prägen. Sie erinnern uns daran, dass Würde nicht an Leistung, Effizienz oder Unabhängigkeit gebunden ist. Menschlicher Wert entsteht nicht erst dort, wo jemand produktiv, autonom oder verwertbar ist. Zusammenhalt, Vertrauen und Solidarität wachsen aus Beziehungen — aus der Fähigkeit, füreinander da zu sein und sich gegenseitig Bedeutung zu geben.
Eine andere Form kollektiver Vernunft
Aktuelle Wirtschaftslogiken haben diesen Blick auf Fürsorge verdrängt und deren Bedarf gleichzeitig erhöht. Care-Arbeiten sind in private Haushalte ausgelagert oder werden als Einsparungspotentiale in aktuellen Budegtdebatten gehandelt. Das ist unvernünftig. Denn Mitgefühl ist eine gesellschaftliche Kompetenz, keine private Haltung, sondern eine Form kollektiver Vernunft. Eine Gesellschaft zeigt sich nicht nur darin, wie sie Leistung belohnt, sondern auch darin, wie sie mit Verletzlichkeit umgeht. Dort, wo Fürsorge möglich wird, entsteht nicht Schwäche, sondern soziale Stärke. Vielleicht liegt gerade darin der größte blinde Fleck der modernen Ökonomie: dass der Wert des Menschlichen oft dort beginnt, wo sich Leistung nicht mehr rechnen lässt.