Gesundheit - ein Kostenproblem oder ein Wachstumstreiber? - Caring Economy
11580
wp-singular,post-template-default,single,single-post,postid-11580,single-format-standard,wp-theme-onyx,mkd-core-2.1,mikado-core-2.1,ajax_fade,page_not_loaded,,onyx-ver-3.4.2, vertical_menu_with_scroll,smooth_scroll,wpb-js-composer js-comp-ver-8.7.2,vc_responsive

Gesundheit – ein Kostenproblem oder ein Wachstumstreiber?

Vorweg: Der hier verwendete Begriff „Humankapital“ bezeichnet in der gängigen ökonomischen Theorie die Gesamtheit individueller Fähigkeiten und Kenntnisse. Diese Definition ist jedoch nicht neutral: Sie setzt voraus, dass menschliche Eigenschaften grundsätzlich als Kapital formulierbar sind – als etwas, das investiert, gesteigert und verwertet werden kann. Damit werden ungleiche Machtverhältnisse systematisch ausgeblendet. Der analytische Fokus verschiebt sich vom Menschen auf seine ökonomische Nutzbarkeit, während die sozialen und materiellen Bedingungen der Entstehung dieser Fähigkeiten in den Hintergrund treten und sie nur innerhalb dieser engen ökonomischen Logik gewertet werden. Insbesondere jene Tätigkeiten, die menschliches Leben tragen – Fürsorge, Pflege, Erziehung –, bleiben strukturell unterbewertet, gerade weil sie sich nicht vollständig in Kapital übersetzen lassen.

Diese Leerstelle ist zentral für feministische Ökonomiekritik. Silvia Federici hat gezeigt, dass unbezahlte Reproduktionsarbeit historisch die Voraussetzung kapitalistischer Akkumulation bildet, ohne selbst als wertschaffend anerkannt zu werden. Nancy Fraser beschreibt dies als „Krise der sozialen Reproduktion“: eine systematische Spannung zwischen kapitalistischer Verwertungslogik und den Bedingungen, die menschliches Leben überhaupt ermöglichen. Vor diesem Hintergrund erscheint „Humankapital“ nicht als neutrale Kategorie, sondern als begriffliche Verdichtung dieser Spannung.

Gleichzeitig wird Gesundheit in politischen Debatten überwiegend als Kostenproblem verhandelt: steigende Ausgaben, Finanzierungsdruck und Effizienzfragen dominieren die Diskussion. In dieser Perspektive erscheint Gesundheit primär als Belastung für öffentliche Haushalte.

Auch diese Perspektive greift zu kurz – das zeigen auch gängige ökonomische Kennzahlen. Laut Weltbank macht Humankapital rund 70 % des Wohlstands in Ländern mit hohem Einkommen aus (World Bank, The Changing Wealth of Nations 2018). Diese Zahl ist auf den ersten Blick ein starkes Argument für die Bedeutung von Bildung und Gesundheit. Doch zugleich ist sie selbst Teil des Problems: Sie misst menschliches Leben in der Sprache des Kapitals und bestätigt damit genau jene Logik, die zur Diskussion steht. Was als „Reichtum“ erscheint, wird an Produktivität, Verwertbarkeit und Marktteilnahme gebunden.

Mariana Mazzucato kritisiert in diesem Zusammenhang, dass ökonomische Theorien Wert systematisch mit Marktpreis verwechseln. Wert entsteht nicht nur im Markt, sondern wesentlich auch durch öffentliche Infrastrukturen, kollektive Investitionen und soziale Reproduktion. Gerade Gesundheitssysteme sind hierfür ein zentrales Beispiel: Sie erscheinen in öffentlichen Haushalten als Kosten, sind aber zugleich grundlegende Voraussetzung für gesellschaftliche und wirtschaftliche Stabilität.

Auch die Gesundheitsökonomie selbst weist über die reine Kostenperspektive hinaus. Sie unterscheidet zwischen den Kosten von Krankheit „Cost of illness“ und dem Wert von Heilung „Value of cure“. Instrumente wie QALYs (qualitätsbereinigte Lebensjahre) versuchen, den gesellschaftlichen Nutzen von Gesundheit für mehr „Humankapital“ zu erfassen – etwa in Form gewonnener Lebensjahre oder erhaltener Teilhabe. Doch auch diese Modelle bleiben in einer Logik der Quantifizierung verhaftet, die Leben und Gesundheit in vergleichbare Einheiten übersetzt.

Das grundlegende Problem liegt daher nicht nur in der Bewertung menschlicher Fähigkeiten, sondern in den Bewertungsmaßstäben selbst. Menschen, die krank sind, Pflege benötigen oder nicht voll erwerbsfähig sind, erscheinen in einer kapitalzentrierten Logik als Kostenfaktor. Feministische Ökonomie verschiebt hier die Perspektive: Nicht Produktivität, sondern die Ermöglichung von Leben wird zum Ausgangspunkt ökonomischer Analyse.

In diesem Sinne wird „Humankapital“ hier als kritischer Referenzbegriff verwendet – als Ausdruck des Versuchs, menschliches Lebensvermögen in ökonomische Kategorien zu überführen, und zugleich als Hinweis auf die Grenzen dieses Versuchs.

Es geht nicht primär darum, Gesundheitskosten zu reduzieren, sondern darum, Gesundheit, Krankheit und Fürsorge als konstitutive Bestandteile gesellschaftlicher Wertschöpfung zu begreifen – und die Kriterien dessen, was als Wert gilt, selbst zur Diskussion zu stellen.

Zu meinem Beitrag „Warum Fürsorge kein Kostenfaktor ist“ >>



Translate »