708 Millionen – die Wirtschaft schließt ihre eigene Grundlage aus.
Weltweit können rund 708 Millionen Frauen im erwerbsfähigen Alter nicht an Erwerbsarbeit teilnehmen, weil sie unbezahlte Care-Arbeit leisten. Bei Männern sind es etwa 40 Millionen. Somit schließt dies Wirtschaft sich selbst aus. Nicht trotz der Wirtschaft, sondern wegen ihr.
Dies entspricht einem sehr großen Anteil der Frauen im erwerbsfähigen Alter (40%), die aus diesem Grund außerhalb des Arbeitsmarktes stehen – ein deutliches globales Ungleichgewicht. International Labour Organization, 2023.
Care-Arbeit umfasst Kinderbetreuung, die Pflege von Angehörigen sowie Hausarbeit – Tätigkeiten, ohne die keine Gesellschaft funktionieren kann. Dennoch sind sie überwiegend unbezahlt und ungleich verteilt: Der Vergleich „708 Millionen Frauen : 40 Millionen Männer“ beschreibt hier nicht, dass Frauen fat 18-mal mehr Care-Arbeit leisten als Männer, weil die Zahlen keine Stunden oder Mengen an Care-Arbeit darstellen. Diese ILO-Zahlen zeigen, dass Frauen um so viel häufiger wegen Care-Verpflichtungen vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind.
Dass Männer insgesamt deutlich weniger unbezahlte Care-Arbeit übernehmen, zeigen andere Studien zu Zeitaufwand und Verteilung unbezahlter Arbeit. Frauen leisten weltweit im Durchschnitt etwa doppelt bis dreimal so viel unbezahlte Care-Arbeit wie Männer UN Women, 2020.
Die Folgen sind konkret: Wer den Großteil seiner Zeit für unbezahlte Arbeit aufwendet, hat geringere Möglichkeiten zur Erwerbstätigkeit und damit auch weniger Zugang zu eigenem Einkommen und sozialer Absicherung. Gleichzeitig bleibt diese Arbeit in zentralen wirtschaftlichen Kennzahlen weitgehend unsichtbar, da unbezahlte Care-Arbeit nach wie vor nicht in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (Bruttoinlandsprodukt) erfasst wird.
Auch gesamtwirtschaftlich hat diese Ungleichverteilung messbare Konsequenzen. Eine geringere Erwerbsbeteiligung von Frauen reduziert das verfügbare Arbeitskräfteangebot und kann sich dämpfend auf wirtschaftliche Entwicklung und Steuereinnahmen auswirken. Die Verbesserung der Gendergleichstellung würde das Pro-Kopf-BIP der EU bis 2050 um 6,1 % bis 9,6 % erhöhen, das entspricht 1,95 bis 3,15 Billionen EUR. Der Abbau der geschlechtsspezifischen Unterschiede würde 10,5 Millionen zusätzlicher Arbeitsplätze schaffen – so viele, wie sie in einem europäischen Land mittlerer Größe verfügbar sind. Dies würde sowohl Frauen als auch Männer gleichermaßen zugutekommen. Mehr dazu findet ihr in unserer Wirtschaftszahl Mai 2024
Ein weiterer zentraler Faktor sind rechtliche Rahmenbedingungen. Laut aktuellen Analysen erreichen Frauen weltweit im Durchschnitt nur etwa 64 % der rechtlichen Rahmenbedingungen, die für Männer gelten UN Women, 2026.
Solche rechtlichen Ungleichheiten können die wirtschaftliche Teilhabe zusätzlich einschränken. Eingeschränkter Zugang zu Eigentum, Finanzdienstleistungen oder unternehmerischen Möglichkeiten kann Investitionen und Einkommensentwicklung hemmen World Bank, 2023.
Gleichzeitig zeigen Reformen Fortschritte: Gesetzesänderungen im Familien-, Erb- und Arbeitsrecht haben in den vergangenen Jahrzehnten die wirtschaftlichen Chancen von hunderten Millionen Frauen verbessert United Nations, 2023.
Die Commission on the Status of Women, deren 70. Sitzung im März 2026 stattfand, betont jedoch, dass wirtschaftliche Gleichstellung ohne strukturelle Veränderungen nicht erreichbar ist. Dazu zählen insbesondere Investitionen in Kinderbetreuung und Pflegeinfrastruktur, der Abbau diskriminierender Gesetze sowie der Ausbau sozialer Sicherungssysteme.
Care-Arbeit ist kein Randthema – sie ist ein zentraler wirtschaftlicher Faktor.
Ich bringe diese Perspektive in Vorträgen, Panels und Workshops ein.
