Der Kosten-Verschiebungseffekt - Caring Economy
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Der Kosten-Verschiebungseffekt

Der Kosten-Verschiebungseffekt

Einsparungen im Sozialbereich – Der Denkfehler mit Folgen: Wenn Einsparungen im Sozialbereich gefordert werden, wird Effizienz meist wie eine einfache Rechenaufgabe behandelt: weniger Ausgaben, mehr Effizienz. Doch dieser Zugang ist politisch bequem und ökonomisch kurzsichtig. Ökonominnen wie Mariana Mazzucato zeigen, dass betriebswirtschaftliche Effizienzmaßstäbe nicht nur für den Staat ungeeignet sind, sondern auch in der Privatwirtschaft selbst kein verlässliches Maß für gesellschaftliche Effizienz darstellen.

Was als effizient gilt, bedeutet in vielen Unternehmen vor allem Kostenverlagerung: Risiken werden ausgelagert, soziale und ökologische Folgekosten externalisiert, öffentlich finanzierte Infrastruktur genutzt, ohne ihren Wert anzuerkennen. Diese Form der Effizienz funktioniert nur, weil andere – Beschäftigte, der Sozialstaat oder künftige Generationen – den Preis zahlen. Für einen demokratischen Staat, der für gesellschaftlichen Zusammenhalt und langfristige Stabilität verantwortlich ist, ist dieses Modell weder übertragbar noch sinnvoll.

Trotzdem folgt die Politik seit Jahrzehnten demselben Muster: Sozialausgaben gelten als Kostenfaktor, nicht als Investition. Probleme, die durch Marktlogiken entstehen, sollen im Nachhinein mit staatlichen Ausgaben gelöst werden – für die angeblich nie genug Geld vorhanden ist. Wenn dann gespart werden muss, gerät der Sozialbereich erneut unter Druck, obwohl wissenschaftliche Evidenz zeigt, dass Einsparungen in Gesundheit, Bildung, Arbeitsmarkt und sozialer Sicherheit hohe Folgekosten verursachen. Was kurzfristig als sparsam erscheint, erweist sich langfristig als teuer – ökonomisch wie demokratiepolitisch.

Schlechtere Bildungschancen, geringere soziale Teilhabe

Im Bereich von Bildung und Arbeitsmarkt sind die Folgekosten von Sparmaßnahmen bereits seit vielen Jahren gut dokumentiert. Schon der Bericht „Budget Consolidation and the European Social Model“ der Friedrich-Ebert-Stiftung von 2011 zeigt, dass Kürzungen in der Jugendhilfe, die Reduzierung von Familienleistungen und der Abbau von Bildungsprogrammen mit schlechteren Bildungschancen, geringerer sozialer Teilhabe und erhöhten Risiken von Arbeitslosigkeit verbunden sind. Ergänzend belegt die OECD in „Education at a Glance“, dass Bildungserfolge stark von sozialer Absicherung abhängen und soziale Ungleichheit die Bildungsbeteiligung sowie spätere Erwerbschancen messbar beeinflusst. Insgesamt wird sichtbar: Weniger Förderung heute erhöht das Risiko geringerer Produktivität, niedrigerer Steuereinnahmen und höherer Transferausgaben morgen – ein klassischer indirekter Folgekosteneffekt.

Wachsende soziale Ungleichheit verursacht wirtschaftliche Kosten

Im Gesundheits- und Pflegebereich zu sparen, ist grundfalsch – das ist keine nüchterne Budgetfrage, sondern eine Frage der Menschlichkeit“ kommentiert Erich Fenninger, Direktor der Volkshilfe Österreich.

Auch Klaus Schwertner, Caritasdirektor der Erzdiözese Wien, warnt dass die Einsparungen im Sozialbereich die Lage für viele Personen in Österreich verschärfen werde. „Es wird auch bei Menschen gespart, die schon jetzt mit dem Rücken zur Wand stehen.“ sagt er bei einer Pressekonferenz im Dezember.

Aus ökonomischer Sicht ist das zentral: Ungleichheit ist teuer, weil sie mit höheren Gesundheitskosten, geringerer Produktivität und mit steigenden staatlichen Folgelasten verbunden ist. Auch der Oxfam-Bericht aus 2013 „A Cautionary Tale: The True Cost of Austerity and Inequality in Europe“ zeigt, dass Austeritätspolitik – strenge staatliche Sparpolitik mit dem Ziel, Haushaltsdefizite zu reduzieren und Staatsschulden abzubauen – in vielen europäischen Ländern mit wachsender sozialer Ungleichheit einherging, die wiederum Konsum, Kaufkraft und langfristiges Wirtschaftswachstum schwächt.

Unsere Wirtschaftszahl des Monats: 1 : 7

Die Kosten-Nutzen-Analysen zu präventiver Sozialpolitik hingegen zeigen, dass gut gestaltete Investitionen ein Mehrfaches an späteren Folgekosten – bis zum Siebefachen – vermeiden können. Die Zahl des Monats „1 : 7“ steht für eine in einzelnen Evaluationsstudien beobachtete mögliche Obergrenze dieser Folgekosten.

Belegt ist diese Logik unter anderem durch internationale Übersichtsarbeiten der OECD sowie durch die ökonomischen Analysen von James Heckman zur Rendite früher Investitionen, die zeigen, dass präventive Sozialausgaben langfristig deutlich höhere gesellschaftliche Erträge erzielen können, als spätere Reparaturmaßnahmen OECD; Heckman Entscheidend ist dabei nicht die Zahl selbst, sondern die dahinterliegende Logik: Fehlende soziale Unterstützung erhöht das Risiko späterer, deutlich teurerer Folgekosten.

Internationale Organisationen kommen zu ähnlichen Einschätzungen. Die OECD zeigt in ihrer Social Expenditure Database (SOCX), dass Länder mit gut ausgebauten sozialen Sicherungssystemen krisenresilienter sind und langfristig geringere soziale Folgelasten tragen.

Auch die WHO betont, dass Investitionen in soziale Determinanten der Gesundheit – jene Bedingungen in die Menschen hineingeboren werden, unter denen sie aufwachsen, leben, arbeiten und altern – zu den wirksamsten Maßnahmen gehören, um gesundheitliche Ungleichheiten zu reduzieren und langfristige Gesundheitskosten zu begrenzen WHO, 2019.

Fazit: Rundum-Sozialkürzungen sparen kein Geld – der Kosten-Verschiebungseffek

Einsparungen im Sozialbereich mögen zwar kurzfristig zu einer Entlastung öffentlicher Haushalte führen, verursachen jedoch häufig erhebliche direkte und indirekte Folgekosten. Direkte Folgekosten entstehen unmittelbar durch den Abbau sozialer Leistungen und präventiver Angebote. Wird etwa bei sozialer Unterstützung, Pflege oder Prävention gespart, steigt der Bedarf an kostenintensiven Akutmaßnahmen im Gesundheitswesen, etwa durch vermehrte Krankenhaus- und Notfallbehandlungen. Gleichzeitig erhöhen strengere Zugangsregeln und Leistungskürzungen den Verwaltungsaufwand, sodass Einsparungen teilweise durch steigende Bürokratiekosten wieder aufgehoben werden.

Indirekte Folgekosten zeigen sich zeitverzögert und betreffen breite gesellschaftliche und wirtschaftliche Bereiche. Fehlende soziale Absicherung erhöht das Risiko chronischer Erkrankungen, was langfristig zu steigenden Gesundheitsausgaben führt. Auch Einsparungen bei Sozialarbeit und Präventionsprogrammen erhöhen langfristig die Belastung von Justiz- und Sicherheitssystemen, da soziale Probleme nicht frühzeitig abgefedert werden. Zusätzlich sinkt die Kaufkraft einkommensschwacher Haushalte, was negative Effekte auf den lokalen Wirtschaftskreislauf hat.

Empirische Forschung und wirtschaftspolitische Analysen zeigen daher übereinstimmend einen sogenannten Kosten-Verschiebungseffekt: Einsparungen im Sozialbudget führen nicht zu einer tatsächlichen Reduktion staatlicher Ausgaben, sondern verlagern Kosten in andere Politikfelder oder in die Zukunft. Internationale Studien kommen zu dem Schluss, dass Sozialausgaben langfristig als Investitionen zu betrachten sind, da sie Folgekosten in Gesundheit, Arbeitsmarkt und Justiz vermeiden und gesamtwirtschaftliche Stabilität fördern.



Hier zu einem Kommentar von Elisabeth Sechser.

„Sozialpolitik ist keine Kostenfaktor, sondern eine Form wirtschaftlicher Infrastruktur.“ >>


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