Wirtschaftszahl November
Die Welt steht emotional unter Druck
Dieser Artikel basiert auf den Ergebnissen der Studie „State of the World’s Emotional Health“ vom Institute GALLUP (2025).
Im Jahr 2024 gaben weltweit 39 % der Erwachsenen an, am Vortag starke Sorgen empfunden zu haben – ein Anstieg um fünf Prozentpunkte gegenüber 2014. Diese Entwicklung verdeutlicht die deutlich gestiegene emotionale Belastung der vergangenen zehn Jahre. Sorgen und Stress werden damit zu wichtigen globalen Risikoindikatoren: Sie dienen als Frühwarnsignale für gesellschaftliche Instabilität sowie zunehmende gesundheitliche und soziale Risiken, die sich direkt auf Produktivität, Gesundheitssysteme und wirtschaftliche Entwicklung auswirken.
„Worry … remains five points higher than it was in 2014.“
„Widespread anger and sadness may signal fragile peace and growing health risks.“
Der Gallup-Bericht zur emotionalen Gesundheit weltweit macht deutlich, dass die Weltbevölkerung emotional unter Druck steht.
- 39 % gaben an, am Vortag viel Sorge erlebt zu haben,
- 37 % fühlten sich gestresst,
- 26 % berichteten von Traurigkeit,
- 22 % verspürten Wut.
Diese Werte liegen 2024 deutlich höher als 2014.
Gleichzeitig bleibt die positive Seite des emotionalen Erlebens stabil:
88 % der Menschen gaben an, sich am Vortag respektiert gefühlt zu haben — einer der höchsten je gemessenen Werte.
Auch positive Emotionen wie Lachen, Freude oder Erholung liegen konstant im Bereich von 72–73 %.
Auf den ersten Blick wirken diese stabilen positiven Werte beruhigend. Als Leserin oder Leser könnte man denken: „Dann ist die Lage vielleicht gar nicht so schlimm?“ Doch gerade der gleichzeitige Anstieg negativer Emotionen macht die Situation bedeutsam. Denn Menschen können sowohl positive als auch negative Gefühle parallel erleben — ein Moment des Lachens schließt Stress oder Sorge nicht aus.
Die Kombination zeigt, obwohl die Menschen Wege finden, positive Erlebnisse aufrechtzuerhalten, wachsen Belastung und Druck weltweit spürbar.
Wie hängen Gefühle und Frieden zusammen?
Gallup hat die emotionalen Daten mit zwei Friedensindizes des Institute for Economics & Peace verknüpft: dem Global Peace Index (GPI), der misst, wie stark ein Land von Konflikten und Gewalt betroffen ist, und dem Positive Peace Index (PPI), der bewertet, wie stabil die gesellschaftlichen und institutionellen Grundlagen für langfristigen Frieden sind. Der Zusammenhang zeigt es liegt nicht daran, ob ein Land reich oder arm ist — Konflikte und fehlender Frieden belasten das emotionale Wohlbefinden unabhängig vom wirtschaftlichen Niveau.
Emotionale Belastung ist wirtschaftlich relevant
Emotionale Belastung ist nicht nur ein individuelles Thema. Sie wird im Bericht als Indikator für gesellschaftliche und ökonomische Fragilität beschrieben – mit Folgen für Gesundheit, Stabilität und Wirtschaft.
„Peace, health and emotional wellbeing rise and fall together. Leaders who ignore emotions risk missing the foundation of stability itself.“
State of the World’s Emotional Health
Wenn negative Emotionen steigen, steigen die Gesundheitskosten und wächst die gesellschaftliche und ökonomische Instabilität. Stress beeinflusst die Produktivität am Arbeitsplatz. Chronischer Stress führt zu verminderter Arbeitsleistung und erheblichen wirtschaftlichen Folgen für Einzelpersonen und Unternehmen
Quellen: Soziale Beziehungen und psychische Gesundheit. J Urban Health. 2001; Einkommensungleichheit und Depression World Psychiatry. 2018
Emotionale Gesundheit ist ein Schlüssel zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Widerstandskraft von Nationen.
Die sich weltweit verschlechternde psychische Gesundheitssituation und die Ungleichheiten beim Zugang zur Versorgung haben vielfältige soziale, kulturelle und wirtschaftliche Ursachen, darunter Armut, Ungleichheit, mangelnde Bildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten, Diskriminierung und eingeschränkter Zugang zu Ressourcen Globale psychische Gesundheit: Prinzipien und Praxis. Oxford Academic; 2014.
Wir müssen den emotionalen Stress minimieren anstatt ihn zusätzlich befördern
Die Bewältigung von emotionalem Stress in der Bevölkerung ist entscheidend für die soziale und wirtschaftliche Nachhaltigkeit. Dies steht im Einklang mit zentralen Zielen für nachhaltige Entwicklung der WHO und ist in den Sustainable Development Goals SDG3, 8 und 11 verankert. Diese Ziele für nachhaltige Entwicklung stellen Gesundheit und Wohlergehen in den Mittelpunkt, betonen das menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum und haben die Schaffung nachhaltiger Städte und Gemeinden zum Ziel. Die Reduzierung von emotionalem Stress verbessert nicht nur die Gesundheit, sondern steigert auch die Produktivität.
Der Gallup-Bericht liefert wertvolle Einblicke und ist besonders stark darin, ein globales Stimmungsbild zu zeichnen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass komplexe soziale Probleme auf „emotionale Krisen“ reduziert werden, statt strukturelle Ursachen (z. B. Armut, Ungleichheit, Zugang zu Bildung) stärker zu adressieren.
Die Zahl des Monats ist als relativer Indikator, als ein zusätzliches Werkzeug für gesellschaftliche Risiken besser zu verstehen.
Für wissenschaftliche oder politische Schlussfolgerungen braucht es natürlich ergänzende Daten, um die gemessenen Emotionen mit konkreten gesellschaftlichen oder gesundheitlichen Entwicklungen zu verknüpfen.
