381 Millionen Jobs: Warum die Care-Ökonomie ein globaler Jobmotor ist - Caring Economy
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381 Millionen Jobs: Warum die Care-Ökonomie ein globaler Jobmotor ist

Im August 2025 gewann Care – Fürsorge, Sorgearbeit und Selbstfürsorge – in Lateinamerika und der Karibik deutlich an politischer, rechtlicher und ökonomischer Aufmerksamkeit. Mit dem Compromiso de Tlatelolco riefen die Mitgliedstaaten der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (ECLAC) eine Dekade der Aktion für Geschlechtergleichheit und eine Care Society (2025–2035) aus. Parallel dazu gewinnt die rechtliche Anerkennung von Care als Menschenrecht in regionalen Policy-Debatten und ECLAC-Dokumenten zunehmend an Dynamik.

Damit wird Care zunehmend nicht mehr als private Angelegenheit von Haushalten verstanden, sondern als strukturelle Grundlage von Wohlfahrt, wirtschaftlicher Entwicklung und sozialem Zusammenhalt.

The right to care: ein neuer menschenrechtlicher Rahmen

Ein zentraler Paradigmenwechsel im ECLAC-Ansatz ist die Verankerung des Rechts auf Care. Das Care-Society-Modell versteht Care ausdrücklich als Recht: das Recht zu pflegen, das Recht, Care zu erhalten, und das Recht auf Selbstfürsorge. Dieses Recht basiert laut ECLAC (2025) auf den Prinzipien der Gleichheit, Universalität, Progressivität sowie sozialer und geschlechterbezogener Mitverantwortung.

Es erkennt an, dass alle Menschen im Lebensverlauf sowohl Care benötigen als auch Care leisten. Ziel ist es, die stereotype Zuschreibung von Sorgearbeit an Frauen zu überwinden und Verantwortung gesellschaftlich neu zu verteilen. Zugleich impliziert die Anerkennung von Care als Menschenrecht eine stärkere staatliche Gewährleistungsverantwortung für den Aufbau universeller Care-Systeme.

Die Care Society als neues Entwicklungsparadigma

Bereits in ihrem grundlegenden Konzeptpapier zur Care Society betonte die ECLAC (2022) die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels, bei dem die Nachhaltigkeit des Lebens und des Planeten ins Zentrum wirtschaftlicher Entwicklung rückt. Dieses neue Entwicklungsverständnis verbindet Geschlechtergleichstellung mit ökonomischer, sozialer und ökologischer Transformation.

Das Konzept der Care Society berücksichtigt dabei sowohl die Öko-Abhängigkeit – also die Abhängigkeit des Menschen von der Natur – als auch die menschliche Interdependenz, also die grundlegende gegenseitige Angewiesenheit von Menschen im Lebensverlauf.

Architektur der Care Society nach ECLAC (2022).

Im Modell der Care Society wird die Nachhaltigkeit des Lebens durch das Zusammenspiel zentraler gesellschaftlicher Akteure getragen: Haushalte und Familien, Märkte, Staaten, Gemeinschaften und der Planet. Care erscheint damit nicht als private Aufgabe, sondern als gesamtgesellschaftliche Infrastruktur.

Die wirtschaftliche Dimension

Wie groß dieser Sektor bereits heute ist, zeigen Daten der Internationalen Arbeitsorganisation. Bezahlte Care-Jobs machten laut ILO-Schätzung für das Referenzjahr 2015 rund 11,5 % der globalen Beschäftigung aus – das entspricht etwa 381 Millionen Arbeitsplätzen (ILO 2018, zitiert in ECLAC 2025). Unter Einbeziehung unbezahlter Sorgearbeit wäre die wirtschaftliche Bedeutung der Care-Ökonomie nach gängigen Satellitenrechnungen noch deutlich größer, da diese in der genannten Kennzahl nicht enthalten ist.

Die Zahl macht sichtbar, was in wirtschaftspolitischen Debatten oft unterschätzt wird: Care ist kein Randbereich der Sozialpolitik, sondern bereits heute ein großer globaler Beschäftigungssektor.

Investitionen mit großem Jobpotenzial

Aktuelle Simulationen von ECLAC und Internationaler Arbeitsorganisation zeigen zudem ein erhebliches Ausbaupotenzial. Durch gezielte Investitionen in Kinderbetreuung und Langzeitpflege könnten bis 2035 in Lateinamerika und der Karibik rund 31,3 Millionen zusätzliche Arbeitsplätze entstehen (ECLAC/ILO 2025).

Davon entfallen etwa 10,6 Millionen auf Kinderbetreuung und 20,7 Millionen auf Langzeitpflege. Die Modellierungen berücksichtigen direkte Beschäftigungseffekte im Care-Sektor, indirekte Effekte in Zulieferbranchen sowie zusätzliche Nachfrageeffekte durch steigende Einkommen.

Warum das auch Europa betrifft

Auch wenn der Bericht keine direkten Politikempfehlungen für Europa formuliert, ist seine wirtschafts- und menschenrechtliche Diagnose hoch anschlussfähig. Alternde Gesellschaften, Fachkräftemangel in Pflege und Betreuung sowie die persistente Gender-Care-Gap zeigen ähnliche strukturelle Spannungen in vielen europäischen Wohlfahrtsstaaten.

Die ECLAC-Perspektive legt daher nahe, Care-Politik stärker als aktive Arbeitsmarkt-, Sozial- und Gleichstellungspolitik zu begreifen. Investitionen in Pflege- und Betreuungsinfrastruktur können Beschäftigung schaffen, Erwerbspotenziale heben, die Vereinbarkeit verbessern und die wirtschaftliche Resilienz stärken.

Von Kristina Hütter, CaringEconomy.Jetzt

Quellen:

International Labour Organization (ILO) (2018):
Care work and care jobs for the future of decent work.
Economic Commission for Latin America and the Caribbean (ECLAC) (2022):
The care society: a horizon for sustainable recovery with gender equality.
Economic Commission for Latin America and the Caribbean (ECLAC) (2025):
The Care Society: Governance, Political Economy and Social Dialogue for a Transformation with Gender Equality.

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