Wenn notwendige Pflege unerledigt bleibt
Wie Pflege finanziert und organisiert wird, bestimmt, welche Versorgung Menschen erhalten. Was als sparsamer Ressourceneinsatz erscheint, kann notwendige Leistungen einschränken und Wertschöpfung beschädigen. Menschliche und wirtschaftlich gute Pflege braucht deshalb einen Maßstab, der Aufwand und Versorgung gemeinsam betrachtet.
Hier zeigt sich das Problem vermeintlicher Effizienz: Im Budget der Pflegeorganisationen lassen sich Ausgaben begrenzen. Ob damit auch die notwendige Versorgung gelingt, ist eine andere Frage. Bleibt Pflege unerledigt, schwächt das Wertschöpfung und verursacht Folgekosten. Zusätzliche Arbeit kann dann an anderer Stelle entstehen. Genau diese Verwechslung beschreibt Elisabeth Sechser in „Rethinking Management: Wenn Effizienz Wertschöpfung zerstört“.
Die wissenschaftliche Grundlage liefert die MISSCARE Austria Studie von Ana Cartaxo, Inge Eberl und Hanna Mayer. Von 1.006 befragten Pflegepersonen auf Allgemeinstationen österreichischer Krankenhäuser berichteten 84,4 Prozent, dass notwendige Pflege in ihrem Team unerledigt blieb. Darin zeigt sich auch ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen versäumter Pflege, der Arbeitszufriedenheit und der Absicht, den Pflegeberuf zu verlassen.
„Was wir in der Pflege schon lange gefühlsmäßig wahrnehmen und beklagen, ist jetzt mit Zahlen belegt. Es ist Zeit zu handeln.“
Elisabeth Potzmann, Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbands (ÖGKV)
84,4 Prozent machen eine Versorgungslücke sichtbar
Die Zahl macht deutlich, wie verbreitet die Erfahrung unter den Befragten ist, dass notwendige Pflege im Arbeitsalltag nicht vollständig geleistet werden kann. Besonders häufig kamen Gespräche, Beratung und emotionale Unterstützung zu kurz. Auch Patient:innen beim Aufstehen und Bewegen zu helfen, war nicht immer im notwendigen Umfang möglich. Solche Auslassungen oder Verzögerungen werden als Missed Nursing Care bezeichnet.
Was diese Zahl über Wirtschaftlichkeit sagt
Personal, Zeit und Arbeitsorganisation bestimmen, welche Pflege möglich ist. Als wichtige Einflussfaktoren nannten die Befragten das gleichzeitige Erledigen mehrerer Aufgaben, häufige Unterbrechungen, steigenden Versorgungsaufwand und fehlendes Pflegepersonal. Auch körperliche und emotionale Erschöpfung spielten eine Rolle. Unter diesen Bedingungen können Pflegepersonen weniger von dem leisten, was Patient:innen benötigen. Arbeitszeit ist eine wirtschaftliche Ressource, mit der Beobachtung, Beratung, Begleitung und körperbezogene Pflege erbracht werden. Wird sie eingeschränkt, verändert sich auch der Umfang der möglichen Leistung, bei gleichbleibendem Bedarf. Ein geringerer Aufwand allein belegt deshalb keine höhere Wirtschaftlichkeit. Im Gegenteil. In REO – Relationalen Expertiseorganisationen wird Wertschöpfung beschädigt, da ein wesentlicher Teil der Kernleistung durch die situationsbezogene Anwendung von Fachwissen, Könnerschaft und professioneller Urteilskraft in Beziehung zu anderen entsteht. Es muss auch betrachtet werden, welche notwendige Versorgung mit den eingesetzten Mitteln gelingt. Bleiben Leistungen offen, gehört diese Versorgungslücke in die wirtschaftliche Bewertung integriert. „Effizienzlogik muss zur Wertschöpfung passen. Denn eine Ausgabe zu reduzieren, ist noch lange keine Einsparung. Wer Wertschöpfung nicht erkennt, hält ihre Zerstörung leicht für Effizienz“, diagnostiziert die Organisationsexpertin Elisabeth Sechser. „Wer also glaubt, diese Effizienz sei sparsam, hat Pflege und Wirtschaft nicht verstanden und produziert einen doppelten Fachkräftemangel mit hohen Wertschöpfungsverlusten: Einerseits verlassen zu viele Fachkräfte den Arbeitsort aufgrund schlechter Arbeitsbedingungen. Andererseits wird auch das ganze Potenzial der dort tätigen Pflegefachkräfte nicht in vollem Umfang genutzt“, so Sechser weiter.
Caring Economy: Wirtschaftlichkeit am Bedarf messen
Aus der Perspektive einer Caring Economy ist Pflege selbst Wertschöpfung. Sie erbringt Leistungen, die Menschen benötigen, und gestaltet einen wesentlichen Teil unserer gesellschaftlichen Versorgung. Ihre Finanzierung und Organisation entscheiden darüber, wie verlässlich diese Leistungen verfügbar sind. Budgets dokumentieren Ausgaben. Für eine umfassende Beurteilung braucht es zusätzlich Informationen darüber, welcher Bedarf gedeckt wird und welche Arbeit unerledigt bleibt. Auch mögliche Folgen für Patient:innen, Angehörige und andere Versorgungsbereiche sind wirtschaftlich relevant. Die Untersuchung beziffert keine finanziellen Folgekosten. Sie macht jedoch sichtbar, wo eine weiterführende Analyse ansetzen müsste: Welche Belastungen entstehen durch fehlende Unterstützung? Wer übernimmt zusätzliche Arbeit? Welche Ressourcen werden später benötigt?
Wie Organisation gute Pflege ermöglicht oder erschwert
Wirtschaftlich gute Pflege bemisst sich daran, wie wirksam Ressourcen eingesetzt werden, um Menschen bedarfsgerecht zu versorgen. Wie müssen Finanzierung, Unternehmensführung und Arbeitsorganisation gestaltet sein, damit notwendige Pflege verlässlich geleistet werden kann? Diese Frage führt auch zu den politischen Rahmenbedingungen der Versorgung.
Elisabeth Potzmann analysiert in ihrem Buch „Löcher stopfen: Pflegepolitik in Österreich zwischen Versagen und Hoffnung“ die Herausforderungen der österreichischen Pflegepolitik und entwickelt konkrete Lösungsansätze.
Bei unserer Online Lesung „Pflege braucht Zukunft“ am 29. Oktober 2026 von 17:00 bis 18:30 Uhr sprechen wir mit Elisabeth Potzmann und Ruth Kummer darüber, wie eine zukunftsfähige Versorgung gestaltet werden kann.


