236 Milliarden US-Dollar: Menschenhandel und Onlinebetrug als Geschäftsmodell der Ausbeutung - Caring Economy
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236 Milliarden US-Dollar: Menschenhandel und Onlinebetrug als Geschäftsmodell der Ausbeutung

30. Juli – Welttag gegen Menschenhandel 

Der 30. Juli ist der von den Vereinten Nationen ausgerufene Welttag gegen Menschenhandel (World Day Against Trafficking in Persons). Der Aktionstag macht auf die weltweite Ausbeutung von Menschen aufmerksam und rückt 2026 insbesondere jene Menschen in den Fokus, die durch Menschenhandel zur Durchführung von Onlinebetrug gezwungen werden. 

Nach Angaben des United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC) werden mehr als 300.000 Menschen allein in Südostasien in sogenannten Scam-Zentren1 festgehalten und unter Zwang für Onlinebetrug eingesetzt. Gleichzeitig schätzt die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), dass kriminelle Netzwerke durch Zwangsarbeit weltweit jährlich 236 Milliarden US-Dollar aus der Ausbeutung von Menschen abschöpfen. 

Menschenhandel ist kein Randphänomen – sondern ein ökonomisches System 

Aus ökonomischer Sicht im Sinne der Caring Economics ist Menschenhandel kein Randphänomen, sondern Ausdruck einer Wirtschaft, die kurzfristige finanzielle Erträge über den Wert menschlichen Lebens stellt. Das Geschäftsmodell der Scam-Zentren erzielt Einnahmen, indem menschliche Arbeitskraft gewaltsam angeeignet und nahezu sämtliche Kosten auf andere abgewälzt werden: auf die ausgebeuteten Menschen und ihre Familien, auf die Betrogenen, auf Gesundheits- und Sozialsysteme, auf Strafverfolgungsbehörden sowie auf die digitale Wirtschaft insgesamt. Ökonomisch handelt es sich um erhebliche negative Externalitäten – die finanziellen Erträge aus Ausbeutung verbleiben bei den kriminellen Netzwerken, während die wirtschaftlichen und sozialen Folgekosten von der Gesellschaft getragen werden. 

Wer profitiert – und wer bezahlt den Preis? 

Aus ökonomischer Sicht stellt sich damit eine weiterführende Frage: Wer profitiert tatsächlich von Menschenhandel für Onlinebetrug – und wer trägt die Kosten? Direkt profitieren kriminelle Netzwerke, Vermittler, Geldwäschestrukturen und korrupte Akteure, die an den finanziellen Erträgen beteiligt sind. Die wirtschaftlichen und sozialen Folgekosten werden hingegen weitgehend von der Allgemeinheit getragen. Im Sinne der Caring Economics verweist dies auf ein Dominanzsystem, das Ausbeutung ökonomisch begünstigt, weil ihre tatsächlichen Kosten externalisiert werden. Damit stellt sich die grundsätzliche Frage, welche wirtschaftlichen Anreizsysteme und politischen Rahmenbedingungen es ermöglichen, dass Ausbeutung rentabler sein kann als der Schutz von Menschen. 

Keine Wertschöpfung, sondern Wertentzug 

Menschenhandel vernichtet menschliche Fähigkeiten und wirtschaftliches Potenzial. Gesundheit, Bildung, Qualifikation und zukünftige Erwerbsmöglichkeiten der Betroffenen werden dauerhaft geschädigt. Hinzu kommen hohe Folgekosten durch Traumatisierung, medizinische Versorgung, Einkommensverluste und Reintegration. Es handelt sich nicht um Wertschöpfung, sondern um Wertentzug: Den finanziellen Erträgen der Täter stehen zerstörte Lebensperspektiven, hohe gesellschaftliche Folgekosten und ein nachhaltiger Verlust an wirtschaftlichem Vertrauen gegenüber. 

Verzerrter Wettbewerb – verzerrte Märkte 

Darüber hinaus verzerrt diese Form organisierter Kriminalität den Wettbewerb. Unternehmen, die Arbeitsrechte achten, Löhne zahlen und Steuern entrichten, konkurrieren indirekt mit kriminellen Netzwerken, deren Geschäftsmodell auf Zwang und Ausbeutung basiert. Die daraus erzielten finanzielle Bereicherung finanzieren wiederum Korruption, Geldwäsche und weitere Formen organisierter Kriminalität. Dies erhöht langfristig die Kosten für Wirtschaft und Staat und untergräbt das Vertrauen in digitale Märkte. 

Investitionen in Menschen sind Investitionen in Wirtschaft 

Im Sinne der Caring Economics sind Investitionen in Bildung, Prävention, soziale Sicherheit, sichere Migration, Opferschutz und internationale Strafverfolgung daher nicht nur ethisch geboten, sondern auch ökonomisch sinnvoll. Sie reduzieren langfristige gesellschaftliche Folgekosten, stärken das Vertrauen in Märkte und schaffen die Voraussetzungen für nachhaltigen Wohlstand. Wie Riane Eisler betont, entsteht der wahre Reichtum einer Volkswirtschaft nicht durch die Maximierung kurzfristiger finanzieller Erträge, sondern durch Investitionen in Menschen, Fürsorge und gesellschaftliche Resilienz. 
Quelle: Eisler, R. (2020). Die verkannten Grundlagen der Ökonomie. Wege zu einer Caring Economy. Marburg: Büchner Verlag.

  1. Scam-Zentren sind kriminelle Einrichtungen, in denen Opfer von Menschenhandel durch Gewalt, Drohungen, Freiheitsentzug und Täuschung dazu gezwungen werden, Onlinebetrug – etwa Anlage- oder Liebesbetrug – zu begehen.  ↩︎


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