Der Gender Pay Gap beginnt nicht am Gehaltszettel. Lohntransparenz endet an der Haustür. - Caring Economy
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Der Gender Pay Gap beginnt nicht am Gehaltszettel. Lohntransparenz endet an der Haustür.

Mit Lohntransparenz können wir Einkommensunterschiede in Unternehmen sichtbar machen. Aber die größte Ungleichheit bleibt unsichtbar: jene Arbeit, die gar keinen Lohn erhält. Mehr Gleichstellung bedeutet nicht automatisch weniger Arbeit: Das schwedische Modell verteilt Erwerbs- und Sorgearbeit gerechter, senkt aber die Gesamtbelastung von Frauen kaum.

Der Blick nach Schweden liefert einen überraschenden Befund. Schweden gilt international als Vorzeigeland für Gleichstellung – mit umfassender Kinderbetreuung, großzügigen Elternzeitregelungen und einer aktiven Gleichstellungspolitik. Tatsächlich ist die Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit dort deutlich gerechter als in vielen anderen europäischen Ländern. Männer übernehmen mehr Sorgearbeit, Frauen sind stärker in den Erwerbsarbeitsmarkt integriert.

Trotzdem lag der Gender Pay Gap 2024 laut dem schwedischen Medlingsinstitutet weiterhin bei 10,2 Prozent. Selbst nach statistischer Bereinigung blieb eine unerklärte Lohnlücke von 4,6 Prozent bestehen. Gleichzeitig hat sich diese Lücke in den vergangenen Jahren nur noch geringfügig verringert.

Frauen leisten zwar in Schweden weniger unbezahlte Sorgearbeit als in vielen anderen Ländern, Männer mehr. Gleichzeitig arbeiten beide Geschlechter mehr Stunden in Erwerbsarbeit. Die Gesamtarbeitsbelastung verschwindet nicht – die Sorgearbeit wird gerechter verteilt, wobei die Sorgeverantwortung nach wie vor hauptsächlich die Frauen tragen. Das ist ein sehr wichtiges Indiz dafür, dass Care-Arbeit nicht weniger wird. Sie ghört zu jener Arbeit, die nicht weniger werden kann. 

Warum bleibt dennoch eine Lohnlücke bestehen?

Ein wichtiger Teil der Antwort liegt in der sogenannten horizontalen Segregation des Arbeitsmarktes. Auch in Schweden arbeiten Frauen und Männer häufig in unterschiedlichen Branchen. Frauen sind überproportional in Bildung, Pflege, Gesundheit und sozialen Dienstleistungen beschäftigt, Männer häufiger in Technik, Industrie oder IT.

Damit stellt sich eine grundsätzliche wirtschaftspolitische Frage: Warum werden Berufe, die Menschen pflegen, erziehen, betreuen oder versorgen, häufig schlechter bezahlt als Berufe mit vergleichbarer Qualifikation und Verantwortung?

Die feministische Ökonomin Mascha Madörin argumentiert, dass sich die gesellschaftliche Abwertung von Care-Arbeit direkt in den Löhnen widerspiegelt. Solange Sorgearbeit als selbstverständlich gilt, werden auch jene Berufe strukturell schlechter bewertet, die auf dieser Arbeit aufbauen.

Hinzu kommt die sogenannte Motherhood Penalty. Internationale Forschung zeigt, dass ein erheblicher Teil der Einkommensunterschiede nach der Geburt von Kindern entsteht. Auch in Schweden reduzieren Frauen häufiger ihre Arbeitszeit, übernehmen mehr Koordinations- und Pflegearbeit und fehlen öfter aufgrund von Sorgeverantwortung. Männer profitieren dagegen häufig vom sogenannten Fatherhood Premium: Nach der Familiengründung steigen ihre Einkommen oftmals stärker als jene von Frauen.

Die schwedische Autorin und Wirtschaftsjournalistin Katrine Marçal beschreibt in ihrem Buch „Who Cooked Adam Smith’s Dinner?“ eine zentrale Leerstelle der Wirtschaftswissenschaften. Die moderne Ökonomie misst Erwerbsarbeit, Produktivität und Einkommen äußerst präzise, blendet aber jene Arbeit aus, die Menschen versorgt, erzieht, pflegt und überhaupt erst arbeitsfähig macht. 

Vielleicht ist genau das die eigentliche Leerstelle der Lohntransparenzdebatte. Sie zeigt, wer weniger verdient. Sie erklärt aber nicht, warum bestimmte Tätigkeiten und Lebensrealitäten systematisch geringer bewertet werden.

Der schwedische Fall zeigt deshalb etwas Überraschendes: Selbst dort, wo Erwerbs- und Sorgearbeit gerechter verteilt werden, bleiben erhebliche Einkommensunterschiede bestehen. Die eigentliche Frage lautet daher nicht nur, warum Frauen weniger verdienen, sondern warum Care-Arbeit und care-nahe Tätigkeiten in modernen Volkswirtschaften noch immer weniger wert sind.

Lohntransparenz ist wichtig. Aber sie beantwortet nicht die entscheidende Frage: Warum verdienen Frauen überhaupt weniger? Solange Care-Arbeit nicht als zentrale wirtschaftliche Ressource und volkswirtschaftliche Messgröße verstanden wird, diskutieren wir vor allem die Symptome – nicht die Ursachen.

„Wer kocht heute Adam Smiths Abendessen – und warum taucht diese Arbeit noch immer in keiner volkswirtschaftlichen Bilanz und in keinem BIP auf?“ Warum besitzt jene Arbeit, die Menschen hervorbringt, versorgt, pflegt und arbeitsfähig hält, bis heute nicht denselben wirtschaftlichen Stellenwert, wie andere Formen von Wertschöpfung? Das Muster liegt tiefer. Wenn wir die Lohntransparenz endlich hergestellt haben, können wir den Ursachen weiter auf den Grund gehen. Für den großen Shift brauchen wir einen viel größeren Hebel.

 Quellen:

Hier zur Zahl des Monats Mai, Lohntransparenz ist kein Risiko für gute Entscheidungen, sondern für schlechte  >>



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