Die falsche Form der Aufrüstung
Unsichtbar machen. Privatisieren. Verfügbarkeit voraussetzen.
Drei Mechanismen. Dieselbe ökonomische Ordnung.
Es ist bereits ein paar Wochen her, dass unser Bundeskanzler Care-Arbeit als „Nicht-Arbeit“ identifizierte. Was er möglicherweise sagen wollte, habe ich in meinem Gastkommentar in DiePresse „Wie Arbeit unsichtbar gemacht wird“ verarbeitet. Darin analysiere ich, wie Care-Arbeit – überwiegend von Frauen geleistet – aus unserem Wirtschaftsbegriff herausgerechnet wird, obwohl sie reale Wertschöpfung ist. In meinem zweiten Artikel dazu „Die Erpressung als freie Wahl“ ging es um die Externalisierung und wie die daraus entstehenden Zwänge als „freie Wahl“ individualisiert werden. Der dritte Analyseteil hier handelt von der Instrumentalisierung: Frauen und die Sorgearbeit werden zur selbstverständlichen Ressource für demografische und wirtschaftliche Ziele während diese Arbeit ein sehr großer blinder ökonomischer Fleck bleibt.
Teil3: Man stelle sich folgende Meldung vor: Rechnungshof empfiehlt, die Arbeit des Bundesheers künftig als unbezahlte Care-Arbeit zu führen. Schließlich sorgen Soldat für die Sicherheit der Bevölkerung, übernehmen Verantwortung und dienen ihrem Land aus Pflichtgefühl und Heimatliebe. Ihre Bezahlung könnte daher als unangemessene Ökonomisierung gesellschaftlicher Verantwortung gelten. Unterstützende Transferleistungen blieben selbstverständlich erhalten; Österreich ist schließlich bundesheerfreundlich. Die Budgetwirkung wäre beträchtlich. Absurd? Natürlich.
Niemand würde beim Bundesheer behaupten, eine aus Überzeugung erbrachte Leistung sei deshalb keine Arbeit. Niemand würde einem Bundeskanzler das Gehalt streichen, weil er sich aus Leidenschaft um Österreich kümmert. Bei Kinderbetreuung funktioniert diese Logik erstaunlich gut.
Bundeskanzler Christian Stocker erklärte jüngst, Kinderbetreuung sei für ihn keine Arbeit. Familie bedeute Verantwortung füreinander; seine Kinder habe er schließlich nicht „als Rechenbeispiel“ erzogen. Interessanter als die Empörung darüber ist das Wirtschaftsverständnis, das in diesem Satz sichtbar wird: Sobald notwendige Arbeit zu Hause stattfindet und überwiegend von Frauen geleistet wird, wird aus Liebe ein ökonomisches Argument. Das ist kein semantischer Streit darüber, was wir „Arbeit“ nennen. Dahinter steht eine sehr konkrete ökonomische Ordnung.
Die Reservearmee ist längst da
Die Politologin Antje Schrupp nennt Frauen in diesem Zusammenhang eine „kostenlose Reservearmee der Fürsorge“. Das Bild trifft einen entscheidenden Punkt: Eine Reserve muss nicht ständig sichtbar sein. Entscheidend ist, dass sie verfügbar ist, wenn das reguläre System sie braucht. Fehlt Betreuung, springt jemand ein. Fehlt Pflege, springt jemand ein. Wird ein Kind krank, springt jemand ein. Dieses „jemand“ ist überproportional häufig eine Frau. Ökonomisch ist das ausgesprochen praktisch. Notwendige Leistungen werden erbracht, ohne dass ihre vollständigen Kosten in öffentlichen Budgets oder am Markt auftauchen. Der monetäre Wert unbezahlter Care-Arbeit in Österreich wurde für 2022 mit rund 195 Milliarden Euro (= 44 Prozent des BIP) berechnet (Institut CloseEconDataGap). Das ist keine Nebensache außerhalb der Wirtschaft. Es ist eine gewaltige wirtschaftliche Leistung, mit deren Verfügbarkeit gerechnet wird. Und diese Reserve soll offenbar noch mehr leisten.
Die demografische Aufrüstung
Emmanuel Macron fand dafür 2024 eine bemerkenswert offene Formulierung: Frankreich brauche ein „réarmement démographique“, eine demografische Wiederaufrüstung. Der Begriff ist aufschlussreich. Aufrüstung folgt einer strategischen Logik: Ein Staat identifiziert etwas, das er für seine zukünftige Stärke benötigt, und versucht, dessen Verfügbarkeit zu erhöhen. Beim Militär geht es um Waffen und Soldaten. Bei der demografischen Aufrüstung um Geburten.
So wird weibliche Reproduktionsfähigkeit zur strategischen Ressource. Und genau hier wird aus Familienpolitik eine Frage von Frauenrechten. Denn es macht einen fundamentalen Unterschied, ob Politik Bedingungen schafft, unter denen Menschen die Kinder bekommen können, die sie sich wünschen, oder ob Gebärfähigkeit unter dem Gesichtspunkt nationaler demografischer Erfordernisse betrachtet wird. Die militärische Sprache legt diese Verschiebung ungewöhnlich offen.
Kinder sind Privatsache. Außer es gibt zu wenige.
Auch in Österreich begegnet uns diese Logik vielerorts. Wenn eine Chefredakteurin einer Tageszeitung in einer Kolumne Christian Stocker gegen ein von ihr als moralisch überhöht beschriebenes linkes Milieu verteidigt, den Geburtenschwund mit fehlendem „Mut zum Kind“ in Verbindung bringt und schreibt, das Kinderkriegen werde zunehmend „den Zuwanderern“ überlassen, stellt sich die Frage: Wer soll hier für wen mehr Kinder bekommen?
Auch wenn eine solche Meldung von einer Frau kommt, macht das die dahinterliegende Ordnung nicht weniger patriarchal. Patriarchale Denkmuster funktionieren schließlich nicht deshalb, weil Männer sie aussprechen, sondern weil bestimmte Erwartungen an Frauen, Familie und Reproduktion selbstverständlich erscheinen. Die demonstrative Beteuerung von Familienfreundlichkeit löst diesen Widerspruch nicht, sie legt ihn offen: Solange Frauen Kinder betreuen, wird diese Leistung nicht als Arbeit betrachtet. Bekommen sie zu wenige Kinder, wird ihre private Entscheidung plötzlich zur Frage von Demografie, Arbeitsmarkt und Nation. Die Kinder werden volkswirtschaftlich gebraucht. Die Arbeit mit ihnen bleibt Privatsache.
Die falsche Aufrüstung
Europa altert. Arbeitskräfte fehlen. Pensions- und Pflegesysteme stehen unter Druck. Darüber muss Politik reden. Aber eine liberale Demokratie sollte sehr genau darauf achten, wann aus Menschen Ressourcen werden. Frauen sind weder Produktionsmittel für eine gewünschte Geburtenrate noch die kostenlose Reservearmee für jene Arbeit, die nach der Geburt anfällt.
Und das ist keine weiche Wirtschaftsträumerei. Im Gegenteil. Eine Volkswirtschaft, die eine unverzichtbare Leistung systematisch voraussetzt, ihren Wert aber aus ihrer zentralen Rechnung weitgehend ausblendet, rechnet schlicht unvollständig. Auf Dauer gefährdet sie damit genau jenen Wohlstand, den sie sichern möchte. Wir sollten uns bei all der Rede von Aufrüstung deshalb grundsätzlicher fragen, wo Frieden, Sicherheit und Wohlstand eigentlich beginnen.
Landesverteidigung schützt eine Gesellschaft gegen Bedrohungen von außen. Doch eine Gesellschaft muss von innen tragfähig sein. Sie muss Menschen hervorbringen, versorgen und auffangen können, ohne dafür selbstverständlich auf eine kostenlose Reserve zurückzugreifen. Frieden und Wohlstand beginnen nicht erst an der Staatsgrenze. Sie beginnen im Kinderzimmer. Care-Arbeit ist keine weiche Gegenwelt zur Wirtschaft. Sie ist robuste Wirtschaft. Und demokratische Infrastruktur.
Teil 1: „Wie Arbeit unsichtbar gemacht wird“ >>
Teil2: „Die Erpressung als freie Wahl“ >>
von Elisabeth Sechser, Beraterin, Unternehmerin, Expertin für die Caring Economy, pflegende Angehörige


