Die Erpressung als freie Wahl - Caring Economy
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Die Erpressung als freie Wahl

Über die perfide Logik, aus Arbeit Liebe zu machen – und aus einer unverzichtbaren Wirtschaftsleistung ein privates Armutsrisiko. Denn ausgerechnet die Unverzichtbarkeit von Care-Arbeit macht es möglich, ihre Kosten aus der Wirtschaftsrechnung zu verschieben. Die interessante Frage ist deshalb nicht, ob Care-Arbeit als Arbeit gilt, sondern warum wir so beharrlich so tun, als wäre sie keine Ökonomie.  

Die Journalistin und Politologin Antje Schrupp beschreibt einen Mechanismus, den die Schweizer Autorin Annette Hug als „Ökonomie der Erpressung“ bezeichnet: Notwendige Fürsorge kann unterfinanziert bleiben, solange darauf vertraut werden kann, dass sie trotzdem jemand übernimmt. Darin liegt die ökonomische Besonderheit von Care. Ein Kind kann nicht später betreut, ein pflegebedürftiger Mensch nicht einfach morgen versorgt werden. Die Arbeit ist notwendig. Sie muss getan werden.

Gerade diese Unverzichtbarkeit erzeugt strukturellen Druck – und der kann erstaunlich gut als freie Wahl erscheinen.

Formal wird oftmals behauptet, dass Frauen niemand vorschreibe, beruflich zurückzustecken, Karenz zu nehmen, den Haushalt zu organisieren oder Angehörige zu pflegen. Genau daraus entsteht die Erzählung individueller Wahlfreiheit. Unausgesprochen wirkt jedoch ein tradiertes patriarchales Muster fort: Wer gilt als zuständig, wenn ein Kind Betreuung braucht, wenn Pflege organisiert werden muss, wenn Erwerbsarbeit und Fürsorge kollidieren? Dass diese Arbeit überproportional bei Frauen landet, lässt sich schwerlich allein als Summe zufälliger individueller Präferenzen erklären. Das macht Frauen nicht zu Opfern und ihre Entscheidungen nicht unfrei. Selbstbestimmung ist jedoch nicht mit Strukturfreiheit gleichzusetzen. Eine Entscheidung kann bewusst und aus Überzeugung getroffen sein und zugleich unter gesellschaftlichen Bedingungen stehen, die Verantwortung, Anerkennung und Folgen ungleich verteilen. Damit endet die Debatte nicht – genau an diesem Punkt beginnt sie.

Wie frei ist eine Wahl, wenn die notwendige Arbeit jedenfalls getan werden muss – und gesellschaftliche Strukturen bereits mitbestimmen, bei wem sie landet?

Besonders sichtbar wird dieser Widerspruch beim Einwand, Männer könne man schließlich nicht dazu verpflichten, die Hälfte von Karenz, Betreuung oder Pflege zu übernehmen. Natürlich ist Freiheit ein hohes Gut. Aber warum beginnt die Sorge um Freiheit ausgerechnet dort? Wenn ein Vater die Betreuung nicht übernimmt, verschwindet der Betreuungsbedarf des Kindes nicht. Wenn jemand die Pflege eines Angehörigen ablehnt, endet dessen Pflegebedürftigkeit nicht. Die Freiheit des einen, nicht zu sorgen, setzt voraus, dass eine andere sorgt. Warum nennen wir eine verbindlichere Beteiligung von Männern Zwang – aber die faktische Übernahme durch Frauen freie Entscheidung?

Autonomie braucht Fürsorge

Dahinter liegt eine größere philosophische und politische Frage, der wir erstaunlich konsequent ausweichen: Wie verstehen wir Autonomie in einer Welt, in der Menschen fundamental aufeinander angewiesen sind? Wir kommen nicht autonom zur Welt. Wir werden versorgt, lange bevor wir für uns selbst sorgen können. Wir werden krank, brauchen andere, sorgen für andere und können im Alter erneut auf Hilfe angewiesen sein. Dieses Aufeinander-angewiesen-Sein ist keine Störung eines ansonsten autonomen menschlichen Lebens. Es ist eine seiner Grundbedingungen. Autonomie und Abhängigkeit sind deshalb keine Gegensätze. Im Gegenteil: Unsere Fähigkeit, selbstbestimmt zu leben, entsteht überhaupt erst, weil andere für uns sorgen. Care ist damit nicht das Gegenteil von Freiheit. Care ermöglicht Freiheit. Und genau deshalb kann eine Volkswirtschaft diese Abhängigkeiten nicht einfach aus ihrem Wirtschaftsverständnis herausrechnen.

Die patriarchale Brille, die neoliberale Rechnung

Hier greifen zwei Logiken bemerkenswert gut ineinander: Die patriarchale Ordnung hat Fürsorge historisch dem Privaten und dort vor allem Frauen zugeschrieben. Liebe, Mutterschaft und Verantwortungsgefühl naturalisieren diese Zuständigkeit. Ein individualistisches, neoliberales Wirtschaftsverständnis kann die Folgen anschließend als Ergebnis persönlicher Entscheidungen behandeln: weniger Erwerbsarbeit, weniger Einkommen, geringere Karrierechancen, weniger Pension – individuell gewählt, individuell zu tragen. Das Patriarchat liefert die Zuständigkeit, die neoliberale Rechnung individualisiert die Kosten. Das eigentliche ökonomische Problem ist die Externalisierung.

Die Gesellschaft braucht Fürsorge zwingend, behandelt ihre Bereitstellung aber in wesentlichen Teilen als private Angelegenheit. Ihre Kosten verschwinden dadurch nicht. Sie werden lediglich aus jener Rechnung verschoben, die wir gewöhnlich „Wirtschaft“ nennen – hinein in Haushalte, Beziehungen und individuelle Biografien.

Die Größenordnung ist beträchtlich: Der monetäre Wert unbezahlter Arbeit in Österreich wurde für 2022 von Dr. Christine Rudolf mit rund 195 Milliarden Euro beziehungsweise 44 Prozent des BIP berechnet. Das ist keine Randzone der Ökonomie. Es ist eine gewaltige wirtschaftliche Leistung, mit deren Verfügbarkeit gerechnet wird. Es geht deshalb ausdrücklich nicht darum, Liebe zu bepreisen oder Familie zum Markt zu machen. Es geht darum, Liebe nicht länger als Argument dafür zu verwenden, die ökonomischen Kosten menschlicher Abhängigkeit zu externalisieren.

Wirtschaft beginnt beim Aufeinander-angewiesen-Sein

Hier liegt der größere politische Punkt. Ein Wirtschaftsverständnis, das bei den autonomen Marktteilnehmenden beginnt und menschliche Abhängigkeit als private Angelegenheit behandelt, startet mit einer falschen Voraussetzung. Menschen sind autonom und abhängig. Frei und aufeinander angewiesen. Eine moderne Ökonomie muss beides denken können. Die wirtschaftspolitische Kompetenzfrage lautet nicht nur, Care-Arbeit als Arbeit zu bewerten, sondern ob unsere Politik fähig ist, Care als elementare Dimension und immanenten Bestandteil von Arbeit, Produktivität und Wohlstand zu begreifen.

von Elisabeth Sechser, Beraterin, Unternehmerin, pflegende Angehörige, Alleinerzieherin, Expertin für die Caring Economy

Leseempfehlung: Antje Schrupp, „Ökonomie der Erpressung. Warum Frauen nicht mehr als kostenlose Reservearmee der Fürsorge verplant werden dürfen“ >>

Wie Arbeit aus unserer Wirtschaft findet ihr auch in meinem Gastkommentar, in Die Presse: „Wie Arbeit unsichtbar gemacht wird“ >>



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