Die Arbeit in Zahlen: Wir sehen nicht einmal die Hälfte!
Diese Gegenüberstellung zeigt das jährliche Volumen von unbezahlter Care-Arbeit und Erwerbsarbeit in Österreich für 2022. Grundlage sind Daten von STATISTIK AUSTRIA.
Die unbezahlte Care-Arbeit umfasst Sorge- und Versorgungsarbeit in Haushalt und Familie sowie Freiwilligentätigkeiten. Grundlage ist die Zeitverwendungserhebung 2021/22. Sie erfasst die Zeitverwendung der in Österreich lebenden Bevölkerung ab 10 Jahren. Damit wird auch unbezahlte Care-Arbeit berücksichtigt, die von Kindern und Jugendlichen geleistet wird. STATISTIK AUSTRIA weist im Durchschnitt 3 Stunden 58 Minuten unbezahlte Arbeit pro Tag für Frauen und Mädchen und 2 Stunden 26 Minuten für Männer und Buben aus. Für die Hochrechnung auf ein Jahr wurden diese durchschnittlichen täglichen Zeitwerte getrennt nach Geschlecht mit der jeweiligen Bevölkerung ab 10 Jahren und 365 Tagen multipliziert. Daraus ergibt sich ein geschätztes jährliches Volumen von rund 9,60 Milliarden Stunden unbezahlter Care-Arbeit.
Dem gegenüber steht das von STATISTIK AUSTRIA ausgewiesene Erwerbsarbeitsvolumen 2022 von rund 6,92 Milliarden tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden. Darin sind Haupt- und Zweitbeschäftigungen sowie geleistete Über- und Mehrstunden enthalten; Über- und Mehrstunden werden daher nicht zusätzlich addiert.
Insgesamt ergeben sich damit rund 16,52 Milliarden Stunden Arbeit: 9,60 Mrd. Stunden unbezahlte unbezahlt–Arbeit und 6,92 Mrd. Stunden Erwerbsarbeit. Das entspricht 58,1 % zu 41,9 %, gerundet 58 % unbezahlter zu 42 % bezahlter Arbeit.
Datenlücken schließen heißt auch, vorhandene Daten neu miteinander in Beziehung zu setzen. Erwerbsarbeit wird in Österreich regelmäßig als Arbeitsvolumen erfasst. Für unbezahlte Sorge- und Versorgungsarbeit sowie Freiwilligentätigkeiten fehlt eine vergleichbare kontinuierliche Datenerhebung. Die aktuell verfügbare umfassende Grundlage ist die Zeitverwendungserhebung 2021/22; davor wurde eine solche Erhebung zuletzt 2008/09 durchgeführt. Dadurch fehlt eine Kennzahl, die bezahlte und unbezahlte Arbeit als Teile des gesamten gesellschaftlich geleisteten Arbeitsvolumens sichtbar macht. Die hier vorgenommene Hochrechnung und Gegenüberstellung setzt deshalb vorhandene Daten von STATISTIK AUSTRIA zueinander in Beziehung.
Sie zeigt eine Größenordnung, die in den getrennten Statistiken nicht unmittelbar sichtbar wird: Rund 58 % des gegenübergestellten Arbeitsvolumens entfallen auf unbezahlte Care-Arbeit und rund 42 % auf Erwerbsarbeit.
Die Gegenüberstellung ersetzt keine kontinuierliche statistische Erhebung unbezahlter Arbeit. Im Gegenteil: Sie macht sichtbar, warum eine solche Datengrundlage notwendig ist. Denn was nicht regelmäßig erhoben, vergleichbar gemacht und in Kennzahlen übersetzt wird, bleibt auch in wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Debatten leichter unsichtbar.
Wenn die Erwerbsarbeitsstunden die ganze Grundlage von Arbeit bilden, entsteht das eine Bild. Wenn wir die gesamten Arbeitsstunden in Relation bringen, entsteht ein gänzlich anderes. Alle Stunden zusammen zeigen die Summe der Leistungsbeiträge für unsere Volkswirtschaft. Die fehlenden Zahlen sind die entscheidenden. Erst wenn wir sie dazustellen, entsteht ein umfassenderes Bild wirtschaftlicher Leistung. Bleiben wesentliche Leistungsbeiträge statistisch unsichtbar, basieren auch wirtschaftspolitische Debatten und Entscheidungen auf einem unvollständigen Bild.
Quellen: STATISTIK AUSTRIA, Zeitverwendungserhebung 2021/22; Bevölkerungsstatistik 2022; Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung, Arbeitszeit und Arbeitsvolumen 2022
Vergleichsgrundlagen:
Die beiden Arbeitsvolumina beruhen auf unterschiedlichen statistischen Erhebungen, Methoden und Grundgesamtheiten. Die 9,60 Milliarden Stunden sowie das Verhältnis 58:42 sind keine von STATISTIK AUSTRIA veröffentlichten Kennzahlen, sondern eine eigene Hochrechnung und Gegenüberstellung auf Basis der genannten Ausgangsdaten.
Eigene Anmerkung, 2026/08: Eine nochmalige Prüfung der Berechnungsgrundlage der bisherigen 57:43-Gegenüberstellung auf Basis der Zeitverwendungserhebung 2021/22, der Bevölkerung ab 10 Jahren und des Erwerbsarbeitsvolumens 2022 ergibt 58,1 % unbezahlte zu 41,9 % bezahlter Arbeit. Deshalb wurde die Darstellung von 57:43 auf 58:42 aktualisiert. Die Verknüpfung der beiden Datensätze ist bewusst gewählt. Als Vergleichsgröße wird nicht die ebenfalls in der Zeitverwendungserhebung erfasste Erwerbsarbeitszeit verwendet, sondern das von STATISTIK AUSTRIA regelmäßig ausgewiesene gesamtwirtschaftliche Erwerbsarbeitsvolumen. Die Fragestellung ist nicht, wie Menschen ihre tägliche Zeit zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit verteilen, sondern welche Größenordnung unbezahlte Care-Arbeit im Verhältnis zum etablierten gesamtwirtschaftlichen Erwerbsarbeitsvolumen einnimmt. Dass dafür unterschiedliche Erhebungen miteinander in Beziehung gesetzt werden müssen, verweist zugleich auf die statistische Asymmetrie: Für Erwerbsarbeit existiert eine kontinuierliche Arbeitsvolumenstatistik, für unbezahlte Care-Arbeit nicht. Elisabeth Sechser, CaringEconomy.Jetzt, Institut CloseEconDataGap




