Die Care Society - Caring Economy
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Die Care Society – Was Europa von Lateinamerika lernen kann

Während Europa diskutiert, wie der Pflegenotstand bewältigt werden soll, welche Einsparungen im Sozial- und Gesundheitsbereich vorgenommen werden „müssen“, wie der Fachkräftemangel gelöst oder die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert werden kann, begibt sich Lateinamerika bereits auf den Weg Gesellschaft zu gestalten, die Sorgearbeit als Grundlage ihres Zusammenlebens versteht und läutet einen weitreichenden Paradigmenwechsel ein.

 

Im August 2025 trafen die Staaten Lateinamerikas und der Karibik zwei Entscheidungen, die international bisher wenig Aufmerksamkeit erhalten haben – obwohl sie das Verständnis von Wirtschaft, Demokratie und Menschenrechten grundlegend verändern könnten.

Am 7. August erkannte der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte erstmals ein eigenständiges Menschenrecht auf Care an. Nur wenige Tage später verabschiedeten die Mitgliedstaaten der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (ECLAC/CEPAL) das Compromiso de Tlatelolco und riefen die Jahre 2025 bis 2035 zur Dekade des Handelns für eine Care Society aus. Der Begriff Care Society (Sociedad del Cuidado) ist in Europa noch weitgehend unbekannt. Er beschreibt die Idee: Wie organisieren wir eine fürsorgende, geschlechtergerechte Gesellschaft?

 

 

Das Leben selbst, nicht Wirtschaftswachstum ist Ausgangspunkt politischen Handelns

Genau diese Frage steht im Mittelpunkt des Berichts „The Care Society. Governance, Political Economy and Social Dialogue for a Transformation with Gender Equality“ (spanisches Original: La sociedad del cuidado), den die UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (ECLAC/CEPAL) 2025 veröffentlicht hat. Auf rund 150 Seiten beschreibt der Bericht, was eine Care Society (Sociedad del Cuidado) ausmacht und wie sie durch das Zusammenspiel von Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gestaltet werden kann. Care wird darin nicht als Randthema der Sozialpolitik verstanden, sondern als zentrale gesellschaftliche Infrastruktur – ebenso grundlegend wie Bildung, Gesundheit, Energie oder Mobilität. Die Botschaft ist ebenso einfach wie weitreichend: Nicht die Wirtschaft trägt das Leben. Das Leben trägt die Wirtschaft.

Warum Lateinamerika?

Wer an innovative Sozialpolitik denkt, blickt häufig nach Skandinavien. Umso überraschender ist es, dass derzeit ausgerechnet Lateinamerika wichtige Impulse für die internationale Care-Debatte setzt. Dabei kommt diese Entwicklung nicht aus dem Nichts. Sie ist das Ergebnis jahrzehntelanger feministischer Bewegungen, wissenschaftlicher Forschung und politischer Reformen. Bereits in den 1970er-Jahren wurde dort die Anerkennung unbezahlter Haus- und Sorgearbeit gefordert. Es folgten Debatten über soziale Reproduktion, globale Care-Ketten und nationale Care-Systeme. Schritt für Schritt entstand daraus ein neues Verständnis von Care – nicht als privates Problem, sondern als gesellschaftliche Aufgabe. Heute mündet dieser Prozess in der Idee der Care Society.

 

Was wir von Mexiko lernen können

Wie dieser Wandel konkret entsteht, zeigt Mexiko besonders eindrucksvoll. Die folgenden Einblicke beruhen unter anderem auf einem Vertiefungsdialog mit Dr. Jana Vasil’eva. Die Sozialwissenschaftlerin ist in Deutschland und Lettland aufgewachsen und lebt seit über zehn Jahren in Mexiko. Fünf Jahre arbeitete sie als Programmverantwortliche bei Oxfam Mexiko. Heute begleitet sie wissenschaftlich und praktisch die Entwicklung der Care Society an der Schnittstelle zwischen Forschung, Politik und den Kämpfen unbezahlter Care-Arbeiter*innen. Ihre Arbeit zeigt: Eine Care Society entsteht nicht durch ein einzelnes Gesetz. Sie wächst aus den Erfahrungen der Menschen, aus lokalen Initiativen, wissenschaftlicher Forschung und politischen Entscheidungen. Care-Politik beginnt dort, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen und sich organisieren.

Die zehn Prinzipien einer Care Society

Die Care Society ist mehr als ein politisches Programm. Sie beschreibt eine neue Art, Wirtschaft und Gesellschaft zu denken. Die folgenden zehn Prinzipien fassen die zentralen Leitideen des ECLAC-Berichts The Care Society sowie des Compromiso de Tlatelolco zusammen. Sie werden durch die Erfahrungen aus Mexiko anschaulich ergänzt.

 

1. Care ins Zentrum stellen

Jede Gesellschaft lebt davon, dass Menschen füreinander sorgen – in Familien, Nachbarschaften, Bildungseinrichtungen oder Pflegeberufen. Trotzdem bleibt diese Arbeit häufig unsichtbar. Eine Care Society stellt Sorgearbeit bewusst ins Zentrum politischen und wirtschaftlichen Handelns und erkennt sie als Grundlage unseres Zusammenlebens an.

 

2. Care aus traditionellen Geschlechterrollen und der alleinigen Familienverantwortung befreien.

Bis heute wird der Großteil der unbezahlten Sorgearbeit von Frauen innerhalb der Familie übernommen. Die Care Society möchte diese Verantwortung gerechter verteilen – zwischen Frauen und Männern sowie zwischen Familien, Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Care ist keine private Aufgabe einzelner, sondern eine gemeinsame gesellschaftliche Verantwortung.

 

3. Geschlechtergerechtigkeit stärken und Zeit fair verteilen.

Wer viel Sorgearbeit übernimmt, hat oft weniger Zeit für Erwerbsarbeit, Bildung, Erholung oder politische und gesellschaftliche Teilhabe. Die Care Society versteht Zeit deshalb als eine zentrale Ressource. Ziel ist eine gerechtere Verteilung von Zeit und Verantwortung, damit alle Menschen ihre Lebensentwürfe frei gestalten können.

 

4. Eine Wirtschaft aufbauen, die Menschen, Gesellschaft und Natur stärkt

Wirtschaftlicher Erfolg darf nicht auf Kosten von Menschen oder Umwelt entstehen. Eine Care Society versteht Wirtschaft als Mittel, um gutes Leben zu ermöglichen. Investitionen in Bildung, Gesundheit, Pflege und soziale Infrastruktur gelten dabei nicht als Kosten, sondern als Investitionen in eine nachhaltige Zukunft.

 

5. Sorgearbeit sichtbar machen und gerecht organisieren – die 5R

Ein zentrales Konzept der Care Society ist der sogenannte 5R-Ansatz. Er beschreibt fünf Schritte, mit denen Sorgearbeit gerechter organisiert werden kann:

 

    • Anerkennen (Recognize): Sorgearbeit sichtbar machen und ihren gesellschaftlichen Wert anerkennen.
    • Reduzieren (Reduce): Belastungen durch bessere Infrastruktur, Dienstleistungen und technische Unterstützung verringern.
    • Umverteilen (Redistribute): Verantwortung gerechter zwischen Frauen und Männern sowie zwischen Staat, Wirtschaft, Familien und Gemeinschaften aufteilen.
    • Repräsentieren (Represent): Menschen, die Sorgearbeit leisten, stärker in politische Entscheidungen einbeziehen.
    • Entlohnen (Reward/Remunerate): Bezahlte Sorgearbeit fair bezahlen und gute Arbeitsbedingungen schaffen.

Die 5R machen deutlich, dass es nicht genügt, mehr Pflegeplätze oder Kinderbetreuung anzubieten. Sorgearbeit muss insgesamt sichtbarer, gerechter und gesellschaftlich besser abgesichert werden.

 

6. Sorge und Pflege als gemeinsame gesellschaftliche Verantwortung anerkennen

Jeder Mensch soll das Recht haben, Care zu erhalten, Care leisten zu können und dabei auch auf sich selbst achten zu dürfen. Dieses Recht kann nicht allein von Familien getragen werden. Es braucht gemeinsame Verantwortung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft.

 

7. Eine Care-Perspektive einnehmen

Die Care Society fordert einen Perspektivwechsel. Politische Entscheidungen sollen nicht nur danach beurteilt werden, wie sie das Wirtschaftswachstum beeinflussen, sondern auch danach, welche Auswirkungen sie auf den Alltag der Menschen haben. Eine gute Politik stärkt die Bedingungen für Sorgearbeit und damit die Lebensqualität aller – auch im Sinne einer wertschöpfungsstarken Gesellschaft.

 

8. Autonomie vor Abhängigkeit

Menschen sollen möglichst selbstbestimmt leben können – unabhängig davon, ob sie Care leisten oder Care benötigen. Unterstützungsangebote sollen Eigenständigkeit fördern und Menschen dabei helfen, ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten.

 

9. Politik muss von den Lebensrealitäten der Menschen ausgehen

Gute Lösungen entstehen dort, wo Menschen leben. Deshalb setzt die Care Society auf einen territorialen Ansatz: Politische Maßnahmen sollen sich an den konkreten Bedürfnissen von Gemeinden, Städten und Regionen orientieren und gemeinsam mit den Menschen vor Ort entwickelt werden.

 

10. Eine Gesellschaft gestalten, die sich um das Leben kümmert

Das letzte Prinzip fasst alle anderen zusammen. Der Erfolg einer Gesellschaft soll sich nicht an bekannten Wirtschaftswachstumszahlen messen, sondern wirtschaftlichen Erfolg damit koppeln, dass Menschen ein gutes Leben gestalten können. Die Care Society macht diese Frage zum Ausgangspunkt politischen Handelns: Was braucht es, damit Leben gelingen kann?

Was bedeutet das für Europa?

Auch Europa steht vor großen Herausforderungen. Die Bevölkerung wird älter, der Bedarf an Pflege steigt, Fachkräfte fehlen und viele Menschen erleben Zeitdruck und Erschöpfung. Gleichzeitig wird unbezahlte Sorgearbeit weiterhin überwiegend von Frauen übernommen und laufen bisherige politische Maßnahmen ins Leere. Die Care Society liefert darauf keine Patentlösung. Sie verändert den Blick auf das Problem. Sie verbindet Pflege, Gesundheit, Bildung, Arbeitsmarkt, Gleichstellung und Wirtschaft zu einer gemeinsamen gesellschaftlichen Aufgabe. Statt einzelne Krisen getrennt zu behandeln, fragt sie nach den Bedingungen, die ein gutes Leben für alle ermöglichen. Genau darin liegt die größte Stärke. Sie lädt dazu ein, Wohlstand nicht nur am Bruttoinlandsprodukt zu messen, sondern auch daran, ob Menschen Zeit haben, füreinander zu sorgen.

 

Eine Debatte, die Europa führen sollte

Die Care Society ist kein fertiges Modell, das sich einfach übernehmen lässt. Sie ist ein Denkangebot – und vielleicht eines der spannendsten, das derzeit international diskutiert wird. Während Europa noch vor allem über die Folgen der Care-Krise spricht, fragt Lateinamerika bereits nach ihren Ursachen und entwickelt neue Antworten. Mit dem Bericht The Care Society. Governance, Political Economy and Social Dialogue for a Transformation with Gender Equality und der Ausrufung der Dekade 2025–2035 liegt erstmals ein internationaler Orientierungsrahmen vor, der Care nicht als Randthema, sondern als Grundlage einer nachhaltigen, demokratischen und geschlechtergerechten Gesellschaft versteht.

 

Die eigentliche Innovation liegt dabei nicht in einer einzelnen Reform, sondern in einer einfachen Erkenntnis:

Eine Gesellschaft ist nur so stark, wie ihre Fähigkeit, füreinander zu sorgen.

Mehr zum Thema:

  • 23. März 2026, Online-Lesung, Care Society – Sociedad del Cuidado  >>
  • 5. Mai 2026, EU-LAC Multi-stakeholder Forum, Berlin EU-LAC Berlin >>
  • 18. Mai 2026, Vertiefungsdialog mit Jana Vasil’eva >>
  • Care ins Zentrum: Die Verabredung von Tlatelolco und ihre Bedeutung für den Rest der Welt, Ina Praetorius>>
  • Sociedad del Cuidado and Compromiso de Tlatelolco – A perspective for thought and action from Latin America and its relevance for the rest of the world, von Ina Praetorius >>
  • Long-term care as a lens of structural inequality and a starting point for system transformation. Caring Economics and Gender Equality as joint levers for transformation, Discussion paper, Elisabeth Sechser >>

 

 

 

 

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