Die größte Subvention der Wirtschaft ist weiblich - Caring Economy
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Die größte Subvention der Wirtschaft ist weiblich

Warum die Abwertung von Care-Arbeit und die Schwächung von Frauenrechten zwei Seiten derselben Medaille sind

Die Debatte über Care-Arbeit wird häufig als sozial-, familien- oder gleichstellungspolitische Frage geführt. Tatsächlich berührt sie eine grundlegende ökonomische und gesellschaftliche Verteilungsfrage: Wer leistet die Arbeit, die eine Gesellschaft täglich am Funktionieren hält? Wer trägt ihre Kosten? Und wer verfügt dadurch über mehr oder weniger Zeit, Einkommen und gesellschaftliche Macht?

Die Zahlen für Österreich zeigen die Dimension. Der Wert der gesamten unbezahlten Arbeit in privaten Haushalten und Freilligenarbeit belief sich 2022 auf rund 195 Milliarden Euro. Das entspricht etwa 44 % des österreichischen Bruttoinlandsprodukts von 447 Milliarden Euro. Allein die Hausarbeit hätte einen Gegenwert von rund 34 % des BIP. Der von Frauen geleistete Anteil unbezahlter Arbeit entspricht einem Geldwert von 27 % des BIP. Insgesamt werden in Österreich jährlich 16,52 Milliarden Stunden gearbeitet. 58 % davon sind unbezahlt: Sorgearbeit, Haushalt, Familie und Freiwilligentätigkeit. 6,04 Milliarden dieser unbezahlten Stunden leisten Frauen.

Diese Zahlen machen ein Muster sichtbar, das in der klassischen Betrachtung von Wirtschaft weitgehend verschwindet: Ein erheblicher Teil der gesellschaftlich notwendigen Arbeit wird geleistet, ohne als wirtschaftliche Leistung entsprechend erfasst und bewertet zu werden.

Die unsichtbare Voraussetzung der Wirtschaft

Besonders deutlich wird das bei Familien mit kleinen Kindern. Eine durchschnittliche Care-Arbeitswoche mit Kleinkindern umfasst 98 Stunden. Frauen übernehmen nach wie vor den Hauptteil dieser unbezahlten Arbeit. Gleichzeitig erscheinen sie in der Erwerbsstatistik häufig als Frauen, die „nur“ Teilzeit arbeiten. Darin liegt ein zentraler Widerspruch. Die Erwerbswirtschaft kann nur funktionieren, weil Menschen versorgt, Kinder betreut, Angehörige gepflegt, Haushalte geführt und soziale Beziehungen aufrechterhalten werden. Diese Arbeit ist keine Ergänzung der Wirtschaft. Sie ist eine ihrer Voraussetzungen. Trotzdem wird sie ökonomisch anders behandelt als Erwerbsarbeit. Ein großer Teil bleibt unbezahlt. Und dort, wo Care-Arbeit bezahlt wird, gehört sie häufig zu den schlechter entlohnten Tätigkeiten – auch bei hoher Qualifikation und großer Verantwortung.

Die feministische Ökonomin Mascha Madörin argumentiert, dass sich die gesellschaftliche Abwertung von Care-Arbeit direkt in den Löhnen widerspiegelt. Solange Sorgearbeit als selbstverständlich gilt, werden auch jene Berufe strukturell schlechter bewertet, die Pflege, Betreuung, Erziehung und Versorgung professionell leisten. Was selbstverständlich verfügbar sein soll, erhält keinen seiner tatsächlichen Bedeutung entsprechenden ökonomischen Wert.

Wenn Care nicht mehr selbstverständlich verfügbar ist

Die Folgen dieses Modells werden inzwischen deutlich sichtbar. In zentralen Bereichen der gesellschaftlichen Versorgung fehlen Menschen.

Laut Bildungsdirektionen gibt es für 2025 6.100 unbesetzte Lehrerstellen. Bis 2027 fehlen in Österreich rund 22.000 Sozialarbeiter*innen. Für eine optimale Elementarpädagogik fehlen bis 2030 bis zu 20.200 Menschen. Bis 2050 werden insgesamt 200.000 zusätzliche Pflege- und Betreuungspersonen benötigt.

Besonders deutlich zeigt sich das Muster in der Pflege. Rund eine Million Menschen pflegen Angehörige zu Hause. Sie sind damit der größte Pflegedienstleister des Landes. 73 % von ihnen sind Frauen. Nur 30 % können neben der Pflegearbeit einer Erwerbstätigkeit nachgehen.

Selbst Kinder und Jugendliche übernehmen einen Teil dieser Versorgung. Rund 42.700 Kinder und Jugendliche zwischen fünf und 18 Jahren pflegen als sogenannte Young Carers Angehörige. Die Dunkelziffer wird deutlich höher geschätzt.

Diese Zahlen beschreiben nicht einfach verschiedene Personalengpässe. Sie betreffen unterschiedliche Bereiche derselben gesellschaftlichen Infrastruktur: die Sorge für Menschen.

Die Kosten verschwinden nicht – sie werden verlagert

Wenn notwendige Sorgearbeit nicht ausreichend gesellschaftlich organisiert und finanziert wird, verschwindet sie nicht. Jemand muss sie übernehmen. Genau hier wird das zugrunde liegende Muster sichtbar: Die Kosten von Care werden nicht beseitigt, sondern verlagert. Sie werden in private Haushalte verlagert und dort überwiegend von Frauen in Form unbezahlter Arbeit getragen. Sie werden auf Menschen verlagert, die ihre Erwerbsarbeit reduzieren, um Kinder zu betreuen oder Angehörige zu pflegen. Und sie werden auf Migrant:innen verlagert, die Versorgungslücken in Pflege, Betreuung, Reinigung und Haushalt schließen.

Ohne ihre Arbeit würden wesentliche Teile der bestehenden Versorgungsstrukturen längst kollabieren. Gleichzeitig gehören Migrant:innen in diesen Bereichen häufig zu den am schlechtesten bezahlten und gesellschaftlich am wenigsten anerkannten Beschäftigtengruppen und sind mehrfacher Diskriminierung ausgesetzt. Das Problem ist also nicht, dass Care-Arbeit keinen Wert hätte. Im Gegenteil: Ihr Wert ist so grundlegend, dass eine Gesellschaft nicht auf sie verzichten kann. Die entscheidende Frage lautet, wie ihre Kosten, ihre Anerkennung und ihre Verantwortung verteilt werden.

Von Care-Arbeit zu Gender Gaps

Hier liegt ein wesentlicher Zusammenhang zwischen Care-Arbeit und den bestehenden Gender Gaps. Wer einen größeren Anteil unbezahlter Arbeit übernimmt, verfügt über weniger Zeit für bezahlte Erwerbsarbeit. Weniger Erwerbsarbeit bedeutet geringeres Einkommen, geringere soziale Absicherung und langfristig geringere Vermögens- und Pensionsansprüche. Berufliche Segregation, Diskriminierung, Geschlechterrollen und institutionelle Rahmenbedingungen verstärken diese Unterschiede zusätzlich.

Damit wird aus einer scheinbar privaten Aufteilung von Sorgearbeit eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Machtfrage. Gender Gaps sind deshalb nicht lediglich das Ergebnis individueller Entscheidungen von Frauen und Männern. Sie entstehen innerhalb einer Wirtschaftsordnung, in der Marktarbeit höher bewertet wird als Sorgearbeit und in der die Kosten gesellschaftlicher Reproduktion überwiegend von Frauen getragen werden.

Aus Zeitungleichheit entsteht Einkommensungleichheit. Aus Einkommensungleichheit entstehen Unterschiede bei Vermögen und sozialer Absicherung. Und daraus entsteht unterschiedliche wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Macht.

Warum Frauenrechte damit unmittelbar verbunden sind

An diesem Punkt wird sichtbar, warum Frauenrechte und die gesellschaftliche Organisation von Care nicht getrennt voneinander betrachtet werden können. Bestehende Gender Gaps führen dazu, dass Frauen durchschnittlich über weniger Geld, weniger frei verfügbare Zeit und damit über weniger wirtschaftliche und gesellschaftliche Handlungsmöglichkeiten verfügen. Einschränkungen von Frauenrechten verstärken diese Unterschiede. Die Stärkung von Frauenrechten stellt dagegen zwangsläufig bestehende Verteilungen von Arbeit, Ressourcen und Verantwortung infrage.

Denn jede ernsthafte Gleichstellungspolitik führt irgendwann zu einer sehr konkreten Frage: Wer übernimmt jene Arbeit, die bisher selbstverständlich, unsichtbar oder schlecht bezahlt geleistet wurde? Wenn Frauen diese Arbeit nicht mehr selbstverständlich und unentgeltlich übernehmen, muss sie anders verteilt, organisiert und finanziert werden – zwischen Frauen und Männern, Familien, Unternehmen, Gemeinschaften und dem Staat. Frauenrechte sind deshalb nicht nur eine Frage individueller Freiheit. Sie berühren unmittelbar die Verteilung gesellschaftlicher Ressourcen und Pflichten.

Das Muster hinter der Abwertung

Die Abwertung von Care-Arbeit und die Schwächung von Frauenrechten sind vor diesem Hintergrund keine voneinander unabhängigen Phänomene. Ihnen liegt dieselbe strukturelle Logik zugrunde. Eine gesellschaftlich unverzichtbare Leistung wird vorausgesetzt, während ihre Kosten möglichst wenig sichtbar werden. Die Verantwortung dafür wird jenen Gruppen zugeschrieben, die historisch für diese Arbeit zuständig erklärt wurden.

Solange Care als private Aufgabe von Frauen verstanden wird, kann ein erheblicher Teil ihrer tatsächlichen Kosten außerhalb dessen bleiben, was wir als Wirtschaft betrachten. Sobald Frauen jedoch gleichen Zugang zu Einkommen, Zeit, Erwerbsarbeit, gesellschaftlicher Teilhabe und Macht beanspruchen, wird diese Konstruktion sichtbar. Dann stellt sich die bislang verdeckte Verteilungsfrage neu: Wer sorgt für Menschen – wer trägt die Kosten – und wer profitiert von dieser Verteilung?

Aus einer Caring-Economy-Perspektive gehören deshalb der Abbau von Gender Gaps und die Stärkung von Frauenrechten zu derselben gesellschaftlichen Transformation hin zu mehr Gleichstellung, Demokratie und sozialer Nachhaltigkeit. Der Konflikt dreht sich letztlich nicht allein um Geschlechter. Er betrifft eine grundlegendere Frage: Welchen Wert misst eine Gesellschaft dem Lebenserhalt, der Fürsorge, Bildung, Pflege und menschlichen Beziehungen bei – und wer soll die Verantwortung dafür tragen?

Riane Eisler formuliert diesen Zusammenhang so: „Solange eine Gesellschaft Fürsorgearbeit als weiblich statt menschlich versteht, bleibt sie unsichtbar und unterbewertet. Die Abwertung von Care und die Abwertung von Frauen sind keine getrennten Phänomene, sondern zwei Seiten derselben kulturellen Logik.“

Fürsorge ist menschlich, nicht weiblich. Es gibt keinen einzigen Grund, warum Fürsorge eine weibliche Kompetenz sein sollte. Menschen aller Geschlechter sind zu Empathie, Bindung und Fürsorge fähig.

von Elisabeth Sechser



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